heks

Zur Zeit wird gefiltert nach: brasilien

Filter zurücksetzen

Heute schon Eukalyptus das WC herunter gespült?

Pampers, Hakle, Kleenex, Charmin, Huggies und Bounty. Eukalyptus steckt, wo wir ihn am wenigsten erwarten: in Toilettenpapier, Papiertaschentüchern, Küchenpapier, Schminktüchern, Windeln. In fast allen sogenannten «Tissueprodukten», die weiss und flauschig sein müssen. Denn dafür eignen sich die Eukalyptusfasern ganz besonders.

 

Es ist also der Tissuemarkt, der einen grossen Teil des Eukalyptus-Zellstoffes verarbeitet. Grosse Player sind Riesen-Konzerne wie SCA Hygiene, Kimberly-Clark, Georgia-Pacific und Procter&Gamble. Doch beziehen diese Konzerne auch Eukalyptus von brasilianischen Monokulturen? Die Unternehmen werfen nicht gerade mit Informationen über ihre Eukalyptusquellen um sich, aber wer sucht, der findet:

 

Das amerikanische Unternehmen Kimberly-Clark beispielsweise, weltweit die Nummer zwei unter den Tissue-Herstellern, produziert bekannte Marken wie Hakle, Kleenex oder Scott- und Huggies-Windeln. In einer von Kimberly-Clark in Auftrag gegebenen Studie habe ich gelesen, dass das Unternehmen vier Fünftel des Zellstoffs für seine Tissueprodukte aus Brasilien bezieht. Brasilien ist damit der grösste Zellstoff-Lieferant des Unternehmens. In der Studie wird das brasilianische Unternehmen Aracruz Cellulose als Lieferant von Eukalyptuszellstoff für die Tissueproduktion angegeben. Aracruz hat sich vor einem Jahr mit dem brasilianischen Eukalyptus Giganten VCP zum Unternehmen Fibria zusammengeschlossen (siehe dazu ein vorhergehender Blog). Einer weiteren Studie entnahm ich, dass im Jahr 2004 allein auf die beiden Tissue-Produzenten Kimberly-Clark und Procter&Gamble  (Pampers, Charmin, always) 45 Prozent des Absatzes des brasilianischen Unternehmens Aracruz Cellulose (heute Fibria) entfiel.

 

Aber wie käme man auch dazu, bei einem Kleenex-Taschentuch an Umweltzerstörung und Landraub in Brasilien zu denken?

 

In Deutschland versuchten bereits Organisationen wie Robin Wood und Urgewald den Zusammenhang zwischen Raubbau und Vertreibungen in Brasilien mit den Endprodukten in unseren Regalen in Europa bewusst zu machen. Die im Jahr 2006 lancierte Tempo-Kampagne machte darauf aufmerksam, dass  das Unternehmen Procter&Gamble für die Produktion seiner Tempo-Taschentücher Zellstoff von Aracruz Cellulose bezog. Um Platz für Eukalyptus-Plantagen zu machen, vertrieb Aracruz viele lokal ansässige Tupinikim- und Guaraní-Indianer von ihrem Land. Die Kampagne hatte Erfolg: Ende 2007 wurde auch auf internationalen Druck hin den Tupinikim und Guaraní im brasilianischen Bundesstaat Espírito Santo 18.000 Hektar Land offiziell zugesprochen. Zudem war das Image von Aracruz schwer angeschlagen: Im März 2007 übernahm der Tissue-Konzern SCA die Taschentuchmarke Tempo und gab Anfang 2010 bekannt, es werde in Zukunft auf Zellstoff des Konzerns Aracruz Cellulose verzichten.

Eine Wüste aus Bäumen

Im Netz bin ich auf die eindrückliche Fotoreihe «New Landscape of the Amazon» gestossen:

 

Die Fotos zeigen, wie die artenreichen Ökosysteme Brasiliens mehr und mehr Nutzpflanzen-Monokulturen – neben Eukalyptusplantagen auch Soja-, Baumwoll- und Zuckerrohrfeldern oder Weideland für Rinderherden – weichen müssen.

 

Eukalyptus an und für sich ist ja nichts Schlechtes. Im Gegenteil. Die immergrüne Baumart wird aufgrund ihres rasanten Wachstums oft bei Aufforstungsprojekten eingesetzt. Das Problem ist nicht Eukalyptus, sondern vielmehr die Art und Weise, wie er angebaut wird. Die in Australien und Indonesien heimische Baumart wurde um 1825 in Bra­silien eingeführt und Ende der 1950er Jahre begann man mit dem industriellen Eukalyptus-Anbau für die Zellstoffproduktion.

 

Das Anlegen von industriellen Monokulturen bedeutet aber  immer einen radikalen Eingriff in das Gleichgewicht der Natur. Monokulturen weisen keine Artenvielfalt auf, entziehen dem Boden Nährstoffe und laugen ihn dementsprechend aus. Plantagen sind anfällig für Schädlinge, so dass oft mit Pestiziden und Spritzmitteln nachgeholfen werden muss. Eukalyptus wächst auch auf kargem Boden extrem schnell und zapft, dank meterlangen Wurzeln, die Grundwasservorräte an. In der Folge sinkt der Grundwasserspiegel und ganze Landstriche – auch ausserhalb der Eukalyptus-Pflanzungen – trocknen aus.

 

 

Die Eukalyptus-Plantagen der Zellstoff- und Papierindustrie Brasiliens zählen heute zu den produktivsten weltweit: Während in Schweden und Finnland eine Rotation (Zeitraum von der Pflanzung bis zum Holzeinschlag) von Birkenplantagen 35 bis 40 Jahre dauert, benötigt Eukalyptus in Brasilien aufgrund seines rasanten Wachstums und der günstigen klimatischen Bedingungen gerade einmal sieben Jahre… natürlich ist das wirtschaftlich gesehen lukrativ. Für die Umwelt aber ist es prekär: Generell ist bereits nach der dritten Eukalyptus-Ernte Schluss – zurück bleibt hektarweise abgewirtschaftetes, stark erodiertes Wüstenland.

 

Intermezzo: Besuch aus Brasilien

Heute Nachmittag hatten wir Besuch von einer Delegation aus Brasilien, die in der HEKS-Zentrale in Zürich zum Info-Lunch vorbeikam. Die Lust an meinem Sandwich verging mir jedoch bald, als die Delegationsmitglieder - bestehend aus Vertretern unserer Partnerorganisation FIAN Brasilien, des Katholischen Indianermissionsrates CIMI und der Guarani Kaiowá Indianer - zu berichten begannen. Zwar handelt es sich in ihrem Fall um eine andere Projektregion und um eine andere «grüne Wüste», aber natürlich zog ich in Gedanken immer die Parallelen zum Eukalyptus:

 

In den letzten drei Jahren fand im Bundesstaat Matto Grosso del Sul eine starke Expansion des Zuckerrohranbaus für die Produktion von Agrotreibstoffen statt. Elf Ethanol-Fabriken sind bereits in Betrieb und weitere 43 sind geplant.

 

Das indigene Volk der dort ansässigen Guarani Kaiowá lebt heute umzingelt von Grossgrundbesitzern, die auf riesigen Flächen Zuckerrohr für die Ethanol-Produktion anbauen. Eine der wenigen Arbeitsmöglichkeiten, die für die Indigenen noch besteht, ist die Arbeit in den Zuckerrohrfeldern und Ethanolfabriken. Die Arbeitsbedingungen dort sind oft sehr schlecht, ja sklavenähnlich. Die Kindersterblichkeitsrate im Volk der Guarani ist hoch und viele Kinder leiden an Unterernährung. Die Zahl von jungen Menschen, die Suizid begehen, ist auffallend hoch…

 

Bereits in der Verfassung von 1988 wurde das traditionelle Land der Guarani in Matto Grosso del Sul identifiziert und registriert; juristisch gesehen hätten sie also ein Recht darauf. Der Prozess der Landdemarkation ist aber noch immer nicht vollzogen. Dies geht soweit, dass viele Guarani-Führer, die sich im Landkampf einsetzen, verhaftet wurden und staatlichen Verantwortlichen gar der Zugang zum zu demarkierenden Land von Grossgrundbesitzern verweigert wird. Die wirtschaftlichen Interessen an der Ethanol-Produktion sind zu gross und der politische Wille der lokalen Regierung, in die Landkonflikte einzugreifen und die Rechte der Guarani zu schützen, ist zu klein. Was die Regierung aber tut: Sie liefert Nahrungsmittelkörbe in die Dörfer, die durch die Zuckerrohrplantagen eingekesselt wurden und all ihre Produktionsgrundlagen verloren haben!

 

Im März 2010 legte Survival International dem UN-Ausschuss für die Beseitigung von Rassendiskriminierung einen ausführlichen Bericht über die besorgniserregende Situation der Guarani Kaiowá in Matto Grosso del Sul vor.

 

Agrotreibstoffe – unter anderem aus brasilianischem Zuckerrohr – werden heute als «grüne» Energie und zukunftsweisende Lösung angepriesen. Agrotreibstoffe sind jedoch kein geeigneter Ersatz für Benzin, wenn ihre Gewinnung zur Vertreibung von Indigenen und Bauernfamilien oder zum Abbrennen tropischer Wälder führt. Als Mitglied der Plattform für Agrotreibstoffe setzt sich HEKS mit einer Petition dafür ein, dass in der Schweiz strenge Zulassungskriterien für Agrotreibstoffe erlassen werden, um den Import sozial und ökologisch problematischer Agrotreibstoffe (wie etwa Ethanol aus Matto Grosso del Sul) in Zukunft zu unterbinden.

 

Foto: Roosewelt Pinheiro/ABr

Brasilien «for sale»! Wo die Sonne scheint gibt es Schatten

In meinem letzten Beitrag schrieb ich, dass Brasilien heute ein ganz grosser Player im Geschäft mit dem Eukalyptus-Zellstoff ist. Dies hat einerseits mit den günstigen klimatischen Bedingungen zu tun, dank derer die Eukalyptusbäume rasant wachsen. Andererseits profitiert man von im Vergleich zum Westen sehr niedrigen Produktionskosten und man hat Platz, unendlich viel Platz für Monokulturen. Dies alles sind Marktvorteile, die der brasilianischen Industrie ihre Anteile im Zellstoff-Markt sichern... und zunehmend ausländische Investoren ins Land locken. So werden Freihandelszonen eingerichtet, staatliche Subventionen für die Fortwirtschaftsmonokulturen bezahlt und die Weltbank und Co gewähren milliardenschwere Darlehen.

 

Brasilien ist im Ausverkauf. Wollen Sie auch ein Stück? Was darf es denn sein?

 

Schauen Sie mal auf die Webseite der Brazil Property Group, die an Investitionen in Brasilien interessierte «Gringos» berät und vermittelt. Von Zuckerrohr- über Eukalyptusplantagen und Ethanolfabriken ist hier alles im Angebot. Eine Hektare  für die Eukalyptus-Plantagewirtschaft geeignetes Land in Minas Gerais kostet 3640 USD. Im grossen Stile zugreifen, rät die Brazil Property Group! Eine Hektare könne nach 20 Jahren zum doppelten Preis wiederverkauft werden, es rentiere sich also!

 

 

 

 

 

Nur für wen rentiert es sich am Ende? Die intensive Bewirtschaftung von Plan­tagen hat natürlich ihren Preis. Monokul­turen mit extrem hoher Biomasseleistung bergen gewisse Nachteile und ökologische wie soziale Risiken. Die Schattenseiten des Eukalyptus-Booms erleben unsere HEKS-Partnerorganisationen in ihren Projekten in Minas Gerais und Bahia vor Ort: Das fragile Ökosystem des Cerrado wird durch die grossflächigen Monokulturen aus dem Gleichgewicht gebracht und Tausende von Menschen ohne offizielle Landtitel verlieren ihr Land und damit ihre Lebensgrundlagen und werden zunehmend von den Plantagen eingekesselt.

Grüne Wüsten

Die Grüne Wüste

Eben habe ich mit Uli Ide, unserem in Brasilien arbeitenden Beauftragten für die Entwicklung ländlicher Gemeinschaften telefoniert. Wir kamen dabei auf das Problem der Eukalyptus-Monokulturen in unseren Projektgebieten in Minas Gerais und Bahia zu sprechen. Immer mehr Kulturland der Kleinbauern und traditionellen Bevölkerungsgruppen müsse Eukalyptusmonokulturen weichen, meinte Uli. Schliesslich wolle die Regierung das gesetzte Ziel von insgesamt 12 Millionen Hektaren Eukalyptus-Plantagen erreichen…

 

Eukalyptus. Bei dem Wort denke ich ja – gerade jetzt, da ich mir wieder einmal eine Erkältung eingefangen habe – an Hustenbonbons. Weit verfehlt. Die Eukalypten werden keineswegs zu Bonbons verarbeitet. Aus Eukalyptusbäumen wird Holzkohle für die Stahlindustrie gewonnen. Für Brasilien wirtschaftlich weitaus bedeutender aber sind die Produktion und der Export von Eukalyptus-Zellstoff. Dieser wird dann vor allem für die Produktion von Toilettenpapier, Papiertaschentüchern oder Windeln eingesetzt, weil er die Produkte besonders flauschig mache. Na ja, gegen flauschige Taschentücher habe ich bei einer Erkältung im Grunde auch nichts einzuwenden.

 

Ich habe mich dann im Netz einmal ein bisschen zu dem Thema Eukalyptus-Zellstoff umgeschaut. Brasilien scheint da ein richtig grosser Player zu sein. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Land zum bedeutendsten Produzenten von Kurzfaserzellstoff aus Eukalyptusholz entwickelt. Eine aktuelle Präsentation der „Brazilian Pulp and Paper Association“ zeigt das Ausmass der Papier- und Zellstoffproduktion in Brasilien. Der grösste Player im brasilianischen Eukalyptussektor ist das brasilianische Unternehmen Fibria. Fibria allein bewirtschaftet heute in sechs brasilianischen Bundesstaaten 1.3 Mio. Hektaren Eukalyptus-Plantagen, produziert jährlich an die 6 Mio. Tonnen Zellstoff und hochwertiges Papier und besetzt damit allein bereits 37% der weltweiten Eukalyptus-Zellstoff-Produktion…

 

Interessant. Waren doch bis vor wenigen Jahren die Verbraucherstaaten von Toilettenpapier und Co. (v.a. Europa und USA) auch die Produktionsstaaten von Zellstoffmasse, so wird heute mehr und mehr in den Ländern des Südens erzeugt.

 

Der Eukalyptus-Boom passt ins brasilianische Gesamtbild. Die Agrarpolitik Lulas ist schon seit Längerem streng auf Modernisierungskurs. Und auch Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff hat nicht vor, von Lulas Kurs abzuweichen. Um den Energie- und Rohstoffhunger des Nordens zu befriedigen, setzt Brasilien auf ein Agrarexportmodell, das Agrarindustrie und grossflächigen Anbau begünstigt. Neben Eukalyptus expandierte auch der Anbau von Zuckerrohr und Ölpalmen (für die Agrotreibstoffproduktion) sowie von Soja (Futtermittel). Von den „grünen Wüsten“, wie die Eukalyptus-Monokulturen genannt werden, hörte man bis jetzt nur viel weniger.

Deshalb werde ich dem Thema jetzt einmal etwas nachgehen… mehr dazu also im nächsten Blog.

Blog-eigene Suche

Kalender

Mai 2012
S M T W T F S
    1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 31    

Letzte Beiträge

  • Begegnungen im Garten

    Soziale Integration ist nur erfolgreich, wenn alle einen Schritt aufeinander zugehen. Darum bieten die HEKS-Regionalstellen sogenannte Mitmachaktionen an. Interessierte Personen haben die Möglichkeit, HEKS-Projekte zu besuchen und mit Teilnehmenden in Kontakt...

  • Die Ankunft der Knochenmühle

    Die Ferien sind vorbei, und nach zwei wunderschönen Wochen im nördlichen Äthiopien bin ich wieder zurück an der Arbeit. In dieser Zeit hat sich in unserem Projekt einiges getan. Die Knochenmühle, die Maschine um die verkohlten Knochen zu verkleinern, ist...

  • Eine grosse Familie

    Vor zwei Tagen habe ich einen Vortrag gehalten in einem Workshop zum Thema «Jovenes Cultura y Paz», (Jugendliche, Kultur und Frieden) am Beispiel Kolumbiens. Der grosse Event in Kingston geht jedoch langsam seinem Ende zu. Die Teilnehmenden haben vor allem...

  • Impressionen aus Kingston

    Die Welt ist in Jamaica angekommen: Man sieht die unterschiedlichsten Kleidungen, Farben, Religionen, viele Sprachen – der Turm zu Babel…  Und alle haben wir etwas gemeinsam: wir wollen Frieden! Die Eröffnungszeremonie war bewegend, mit Liedern aus...

Blog-Regeln

Wir freuen uns, wenn Sie in diesem Blog mitdiskutieren. Wir bitten Sie jedoch dabei folgende Regeln zu beachten:

Bleiben Sie in Ihren Kommentaren sachlich. Die Redaktion hält sich vor Beiträge zu löschen, die rassistisch, sexistisch, bösartig, beleidigend oder themenfremd sind.

Mit Ihrem Eintrag stimmen Sie einer möglichen Veröffentlichung/Zitierung Ihres Kommentars auf www.heks.ch zu. Der Kommentar wird mit Vorname, Nachname und allenfalls der Webadresse publiziert. Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

HEKS übernimmt keine Verantwortung für Inhalt und Richtigkeit der Kommentare. Jede Verfasserin und jeder Verfasser ist persönlich verantwortlich für ihre/seine Aussagen.

http://www.zewo.ch/
Kontakt:
HEKS, Seminarstrasse 28, Postfach, CH-8042 Zürich, Telefon +41 (0)44 360 88 00, info@heks.ch | Spendenkonto 80-1115-1