HEKS - Hilfswerk der Evangelischen Kirche Schweiz
Im Netz bin ich auf die eindrückliche Fotoreihe «New Landscape of the Amazon» gestossen:
Die Fotos zeigen, wie die artenreichen Ökosysteme Brasiliens mehr und mehr Nutzpflanzen-Monokulturen – neben Eukalyptusplantagen auch Soja-, Baumwoll- und Zuckerrohrfeldern oder Weideland für Rinderherden – weichen müssen.
Eukalyptus an und für sich ist ja nichts Schlechtes. Im Gegenteil. Die immergrüne Baumart wird aufgrund ihres rasanten Wachstums oft bei Aufforstungsprojekten eingesetzt. Das Problem ist nicht Eukalyptus, sondern vielmehr die Art und Weise, wie er angebaut wird. Die in Australien und Indonesien heimische Baumart wurde um 1825 in Brasilien eingeführt und Ende der 1950er Jahre begann man mit dem industriellen Eukalyptus-Anbau für die Zellstoffproduktion.
Das Anlegen von industriellen Monokulturen bedeutet aber immer einen radikalen Eingriff in das Gleichgewicht der Natur. Monokulturen weisen keine Artenvielfalt auf, entziehen dem Boden Nährstoffe und laugen ihn dementsprechend aus. Plantagen sind anfällig für Schädlinge, so dass oft mit Pestiziden und Spritzmitteln nachgeholfen werden muss. Eukalyptus wächst auch auf kargem Boden extrem schnell und zapft, dank meterlangen Wurzeln, die Grundwasservorräte an. In der Folge sinkt der Grundwasserspiegel und ganze Landstriche – auch ausserhalb der Eukalyptus-Pflanzungen – trocknen aus.
Die Eukalyptus-Plantagen der Zellstoff- und Papierindustrie Brasiliens zählen heute zu den produktivsten weltweit: Während in Schweden und Finnland eine Rotation (Zeitraum von der Pflanzung bis zum Holzeinschlag) von Birkenplantagen 35 bis 40 Jahre dauert, benötigt Eukalyptus in Brasilien aufgrund seines rasanten Wachstums und der günstigen klimatischen Bedingungen gerade einmal sieben Jahre… natürlich ist das wirtschaftlich gesehen lukrativ. Für die Umwelt aber ist es prekär: Generell ist bereits nach der dritten Eukalyptus-Ernte Schluss – zurück bleibt hektarweise abgewirtschaftetes, stark erodiertes Wüstenland.

Heute Nachmittag hatten wir Besuch von einer Delegation aus Brasilien, die in der HEKS-Zentrale in Zürich zum Info-Lunch vorbeikam. Die Lust an meinem Sandwich verging mir jedoch bald, als die Delegationsmitglieder - bestehend aus Vertretern unserer Partnerorganisation FIAN Brasilien, des Katholischen Indianermissionsrates CIMI und der Guarani Kaiowá Indianer - zu berichten begannen. Zwar handelt es sich in ihrem Fall um eine andere Projektregion und um eine andere «grüne Wüste», aber natürlich zog ich in Gedanken immer die Parallelen zum Eukalyptus:
In den letzten drei Jahren fand im Bundesstaat Matto Grosso del Sul eine starke Expansion des Zuckerrohranbaus für die Produktion von Agrotreibstoffen statt. Elf Ethanol-Fabriken sind bereits in Betrieb und weitere 43 sind geplant.
Das indigene Volk der dort ansässigen Guarani Kaiowá lebt heute umzingelt von Grossgrundbesitzern, die auf riesigen Flächen Zuckerrohr für die Ethanol-Produktion anbauen. Eine der wenigen Arbeitsmöglichkeiten, die für die Indigenen noch besteht, ist die Arbeit in den Zuckerrohrfeldern und Ethanolfabriken. Die Arbeitsbedingungen dort sind oft sehr schlecht, ja sklavenähnlich. Die Kindersterblichkeitsrate im Volk der Guarani ist hoch und viele Kinder leiden an Unterernährung. Die Zahl von jungen Menschen, die Suizid begehen, ist auffallend hoch…
Bereits in der Verfassung von 1988 wurde das traditionelle Land der Guarani in Matto Grosso del Sul identifiziert und registriert; juristisch gesehen hätten sie also ein Recht darauf. Der Prozess der Landdemarkation ist aber noch immer nicht vollzogen. Dies geht soweit, dass viele Guarani-Führer, die sich im Landkampf einsetzen, verhaftet wurden und staatlichen Verantwortlichen gar der Zugang zum zu demarkierenden Land von Grossgrundbesitzern verweigert wird. Die wirtschaftlichen Interessen an der Ethanol-Produktion sind zu gross und der politische Wille der lokalen Regierung, in die Landkonflikte einzugreifen und die Rechte der Guarani zu schützen, ist zu klein. Was die Regierung aber tut: Sie liefert Nahrungsmittelkörbe in die Dörfer, die durch die Zuckerrohrplantagen eingekesselt wurden und all ihre Produktionsgrundlagen verloren haben!
Im März 2010 legte Survival International dem UN-Ausschuss für die Beseitigung von Rassendiskriminierung einen ausführlichen Bericht über die besorgniserregende Situation der Guarani Kaiowá in Matto Grosso del Sul vor.
Agrotreibstoffe – unter anderem aus brasilianischem Zuckerrohr – werden heute als «grüne» Energie und zukunftsweisende Lösung angepriesen. Agrotreibstoffe sind jedoch kein geeigneter Ersatz für Benzin, wenn ihre Gewinnung zur Vertreibung von Indigenen und Bauernfamilien oder zum Abbrennen tropischer Wälder führt. Als Mitglied der Plattform für Agrotreibstoffe setzt sich HEKS mit einer Petition dafür ein, dass in der Schweiz strenge Zulassungskriterien für Agrotreibstoffe erlassen werden, um den Import sozial und ökologisch problematischer Agrotreibstoffe (wie etwa Ethanol aus Matto Grosso del Sul) in Zukunft zu unterbinden.
Foto: Roosewelt Pinheiro/ABr
In meinem letzten Beitrag schrieb ich, dass Brasilien heute ein ganz grosser Player im Geschäft mit dem Eukalyptus-Zellstoff ist. Dies hat einerseits mit den günstigen klimatischen Bedingungen zu tun, dank derer die Eukalyptusbäume rasant wachsen. Andererseits profitiert man von im Vergleich zum Westen sehr niedrigen Produktionskosten und man hat Platz, unendlich viel Platz für Monokulturen. Dies alles sind Marktvorteile, die der brasilianischen Industrie ihre Anteile im Zellstoff-Markt sichern... und zunehmend ausländische Investoren ins Land locken. So werden Freihandelszonen eingerichtet, staatliche Subventionen für die Fortwirtschaftsmonokulturen bezahlt und die Weltbank und Co gewähren milliardenschwere Darlehen.
Brasilien ist im Ausverkauf. Wollen Sie auch ein Stück? Was darf es denn sein?
Schauen Sie mal auf die Webseite der Brazil Property Group, die an Investitionen in Brasilien interessierte «Gringos» berät und vermittelt. Von Zuckerrohr- über Eukalyptusplantagen und Ethanolfabriken ist hier alles im Angebot. Eine Hektare für die Eukalyptus-Plantagewirtschaft geeignetes Land in Minas Gerais kostet 3640 USD. Im grossen Stile zugreifen, rät die Brazil Property Group! Eine Hektare könne nach 20 Jahren zum doppelten Preis wiederverkauft werden, es rentiere sich also!

Nur für wen rentiert es sich am Ende? Die intensive Bewirtschaftung von Plantagen hat natürlich ihren Preis. Monokulturen mit extrem hoher Biomasseleistung bergen gewisse Nachteile und ökologische wie soziale Risiken. Die Schattenseiten des Eukalyptus-Booms erleben unsere HEKS-Partnerorganisationen in ihren Projekten in Minas Gerais und Bahia vor Ort: Das fragile Ökosystem des Cerrado wird durch die grossflächigen Monokulturen aus dem Gleichgewicht gebracht und Tausende von Menschen ohne offizielle Landtitel verlieren ihr Land und damit ihre Lebensgrundlagen und werden zunehmend von den Plantagen eingekesselt.
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