Ein Tannenbaum ohne Familie

Weihnachten steht vor der Tür. In dieser besonderen Zeit wächst die Kluft zwischen meinem Glück, hier zu sein, und meinem Mitgefühl für Menschen, die anderswo auf der Welt aufgrund von Konflikten leiden. Weihnachten ist idealerweise eine Zeit, um Verwandte zu treffen. Doch abgesehen von Konflikten, die spalten und trennen, gibt es unsere Gesetze und unsere Politik, die Familienzusammenführungen oft zusätzliche Hindernisse in den Weg legen. 

Als Mutter einer grossen Familie bedeutet der Dezember für mich Guetzli-Duft, Lichtgirlanden aufhängen, Geschenke einpacken und Kerzenlicht. An Weihnachten werden wir Momente im Kreise der Familie verbringen, in unseren warmen Häusern, von der Freude erfüllt, gemeinsam zu feiern und beisammen zu sein. Sicher wird es auch den Stress geben, nicht rechtzeitig fertig zu werden, vor dem Weggehen die Handschuhe nicht zu finden, oder das Drama, dass die Schwester das bessere Geschenk erhalten hat. 

Chloe Ofodu
Chloé Ofodu

Chloé Ofodu ist die Leiterin der HEKS-Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende (SAJE) in Lausanne. 

Menschen aus Afghanistan werden zum zweiten Mal Weihnachten von ihren Angehörigen getrennt verbringen.

Doch all diese kleinen Dramen sind nichts im Vergleich zu den eigentlichen menschlichen Dramen, denen ich bei meiner Arbeit als Juristin und Verteidigerin von Asylsuchenden begegne. Auch wenn sie Weihnachten nicht feiern, wird es in der Schweiz viele afghanische Menschen geben, die diese Zeit zum zweiten Mal von ihren Angehörigen getrennt verbringen. Diese sind in Afghanistan geblieben und müssen sich hinter einem Schleier oder sonst wie verstecken, um der Unterdrückung durch die Taliban zu entgehen. Oder sie leben ohne Aufenthaltsstatus im Iran oder in Pakistan im Exil und müssen sich vor den Razzien der Polizei fürchten, die sie in die Hände derer liefert, vor denen sie geflohen sind. Ob sie sich in Afghanistan, im Iran oder in Pakistan verstecken, diesen Menschen fehlt es an allem: an Nahrung, medizinischer Versorgung, Sicherheit und einem Ort zum Schlafen. Sie laufen täglich Gefahr, Gewalt ausgesetzt zu sein, sich in Notunterkünften verkriechen oder unter erbärmlichen Bedingungen arbeiten zu müssen in der Hoffnung, dass der Tag ohne ein Unglück vergeht. Die Afghan:innen in der Schweiz werden Weihnachten wahrscheinlich voller Angst um die ihnen nahestehenden Familienangehörigen verbringen und mit dem Schmerz, von ihnen getrennt zu sein. 

Als souveräner Staat kann die Schweiz entscheiden, Leid zu lindern, indem sie durch den Krieg getrennte Familien wieder zusammenführt.

Dieses Leid kann gelindert werden. Als souveräner Staat kann die Schweiz entscheiden und durch den Krieg getrennte Familien wieder zusammenführt. Wie ihre europäischen Verbündeten hat auch die Schweiz gezeigt, dass sie nicht nur die Ressourcen, sondern auch die Unterstützung ihrer Bevölkerung hat, um innerhalb von acht Monaten 60 600 Menschen zu schützen, die vor dem Krieg in der Ukraine geflohen sind (Zahlen des SEM vom Oktober 2022). Der Schlüssel für diese Aufnahme ist die Allianz der europäischen Länder (einschliesslich der Schweiz) und der politische Diskurs, der sich mehrheitlich für eine würdige Aufnahme von Menschen ausspricht, die vor dem Ukraine-Konflikt fliehen. 

Die Tragik anderer Konflikte ist es, dass die Rollen weniger leicht verständlich sind: Wer ist der «Bösewicht» (der Angreifer) und wer sind die «Guten, die Schutz bedürfen» (die Angegriffenen)? Es besteht das Gefühl, dass die geografische und kulturelle Distanz (ob tatsächlich vorhanden oder eingebildet) andere Länder stärker in die Verantwortung nimmt, diese schutzbedürftigen Männer und Frauen aufzunehmen. 

Ein humanitäres Visum ist neben der Familienzusammenführung die einzige Möglichkeit, legal in ein sicheres Land zu reisen.

Das tragische Versäumnis, ethische Verantwortung zu übernehmen, führt regelmässig dazu, dass kein humanitäres Visum erteilt wird. Der Familiennachzug, der oft an erhebliche Auflagen geknüpft ist, ist aber die einzige Möglichkeit, legal in ein sicheres Land zu reisen. Humanitäre Visa werden immer wieder mit dem Hinweis auf fehlende Beweise verweigert oder aufgrund der Tatsache, dass die Person aus Afghanistan ausgereist ist. Da es aber keine Schweizer Botschaft gibt in Afghanistan, müssen Betroffene in den Iran oder nach Pakistan reisen, um ein humanitäres Visum zu beantragen. Standartisierte Absagen sind ein weiterer Schlag für diese Menschen, die sich nichts anderes wünschen, als respektiert und angehört zu werden und ein Leben in Sicherheit, idealerweise bei Angehörigen, führen zu können. 

Wenn es so etwas wie die Magie von Weihnachten tatsächlich gibt, dann möge sie unsere Politiker:innen auf die wahren Herausforderungen dieser Welt aufmerksam machen und möglichst vielen Menschen ein friedliches Leben im Kreise ihrer Angehörigen ermöglichen. Und die Magie wird mithelfen: denn ein Leben in Sicherheit gibt den aufgenommenen Menschen Kraft, ihre Zeit, ihre Talente, ihre Fähigkeiten und ihren kulturellen Reichtum mit uns zu teilen. 

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