Verletzliche Flüchtlinge schützen! Nein zur sturen Anwendung der Dublin-Verordnung
Yannis Behrakis
Blogartikel von Evelyn Stokar vom 12.05.2022

Wenn ich je flüchten müsste...

Wenn ich je flüchten müsste...

Fluchtgeschichten sind dramatisch und gehen unter die Haut. Sie schildern das Verlassen von allem Vertrauten, unfreiwilligen Aufbruch und Abbruch. Sie können auch neue Perspektiven eröffnen – vorausgesetzt, die Menschen sind auf ihren Fluchtwegen nicht zerbrochen.

Mit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges öffnen sich Fluchtwege...

Schon kurz nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine wurden die Fluchtwege nach Westeuropa geöffnet. Der öffentliche Nah- und Fernverkehr ist für alle Flüchtenden gratis. Ich staunte nicht schlecht, als ich in der Lokalzeitung las von einem Mann, der mit seinem Transporter extra an die ukrainisch-polnische Grenze fuhr, um eine Handvoll Flüchtende abzuholen. Es handelte sich nicht etwa um Verwandte oder Bekannte von ihm, sondern um Fremde. Für Frauen mit Säuglingen sei die Reise mit dem Zug doch gar umständlich, so der Mann zur Motivation für sein Handeln. Eine schöne Geste der Solidarität!
Evelyn Stokar
Evelyn Stokar

Evelyn Stokar ist Juristin in der Inlandzentrale von HEKS. 

Da ist die ständige Angst vor prügelnder Polizei oder Grenzwache, der tägliche Kampf ums Überleben und die Fahrt über das Meer in einem kleinen Schlauchboot, die nur drei von vier überleben.

...aber nicht für alle 

Doch mir kommen Bilder hoch von ertrinkenden Menschen im Mittelmeer, von brutal verprügelten Menschen an den Grenzen im Balkan, von jahrelangen Odysseen. Ich erinnere mich an Fabio Gedas Buch «Im Meer schwimmen Krokodile». Darin wird die unfassbare, wahre Fluchtgeschichte eines afghanischen Jungen erzählt und uns eine Ahnung davon vermittelt, was es bedeutet, zu flüchten. Da ist die tagelange Wanderung durch das Gebirge, während der Menschen erfrieren, verhungern, abstürzen. Da ist die mehrtägige Fahrt im 50 Zentimeter hohen, stockfinsteren Hohlraum eines Lastwagens an deren Ende alle hinausgerollt werden mussten, da sie sich vor lauter Schmerzen nicht mehr bewegen konnten. Da ist die ständige Angst vor prügelnder Polizei oder Grenzwache, der tägliche Kampf ums Überleben und die Fahrt über das Meer in einem kleinen Schlauchboot, die nur drei von vier überleben.

Ich stelle mir die Frage, wie es anders sein könnte. Gratiszüge und offene Grenzen für alle Flüchtenden? Eine Utopie.

 Eine Flucht ist oft traumatisierend 

«Sichere» Fluchtwege gab es gemäss meiner Erfahrung nur für die ganz Reichen – für diejenigen, die sich falsche Papiere und Visa beschaffen und Flughafenbeamte bestechen konnten. Oder diejenigen, die eine Ehe arrangieren konnten. Wobei diese Variante den besonders Hübschen oder besonders Reichen vorbehalten war. Aber auch diese Wege bergen die Gefahr von Illegalität und sexueller Gewalt. Und wer diese Privilegien nicht hat, riskiert am Ende der Flucht schwer traumatisiert zu sein. Traumatisierte Geflüchtete haben in jedem Fall eine schlechte Prognose, berichtete mir ein Arzt. Viele schaffen es nicht mehr, das Erlebte zu verarbeiten und im neuen Leben anzukommen. Sie bleiben gebrochene Menschen.

Ich stelle mir die Frage, wie es anders sein könnte. Gratiszüge und offene Grenzen für alle Flüchtenden? Eine Utopie. Zu viele sind es – über 84 Millionen Menschen weltweit, schreibt die UNO. 

Was könnte die Schweiz tun? 

Was kann ein kleines, aber reiches Land wie die Schweiz tun? Neben der Unterstützung der Nachbarländer von Konfliktgebieten kann die Schweiz Flüchtenden eine sichere Flucht ermöglichen. Wenigstens einigen.  

Die Wiedereinführung eines Botschaftsasyl-Verfahrens wurde allerdings kürzlich im Parlament abgelehnt und humanitäre Visa werden nur äusserst restriktiv vergeben. Die Hürden für einen Familiennachzug sind hoch, die Resettlement-Kontingente knapp.   

Gemäss dem Staatssekretariat für Migration (SEM) werden seit 2013 besonders schutzbedürftige Personen aufgenommen, die vorab vom UNHCR als Flüchtlinge anerkannt wurden (Resettlement). Hinzu kamen noch einige, die von erleichterten Familiennachzügen aus Syrien und von innereuropäischen Umverteilungen profitierten. Insgesamt waren es etwa 950 Personen pro Jahr. Im Zusammenhang mit der Debatte um den Ausbau von «Frontex» besuchte die zuständige Ständeratskommission die Schengen-Aussengrenze in Griechenland sowie ein Flüchtlingslager. Das Fazit dieser Reise: Der Ausbau von «Frontex» bedingt flankierende Massnahmen in Form eines ausgebauten Rechtsschutzes und höherer Resettlement-Kontingente. Die Mehrheit der Kommission sprach sich für eine Erhöhung des Kontingents auf 2800 Plätze für das Jahr 2023 aus, die Minderheit für eine Erhöhung auf 4000. Trotzdem stimmen wir nun ab über den «Frontex»-Ausbau ohne jeglichen Ausbau der legalen Fluchtwege. Das Parlament hat ihn wieder gestrichen. 

Die Forderungen der HEKS-Petition von 2018 nach sicheren und legalen Fluchtwegen in die Schweiz sind daher nach wie vor aktuell: Eine deutliche Erhöhung der Resettlement-Kontingente, eine erleichterte Ausstellung humanitärer Visa und einfachere Familienzusammenführungen. 

Übergabe Petition für sichere Fluchtwege
Peititon an den Bundesrat
Sichere Fluchtwege retten Leben

Es bleibt die Freude über die sichere und legale Einreise der Geflüchteten aus der Ukraine.

Es bleibt die Freude über die sichere und legale Einreise der Geflüchteten aus der Ukraine. Aus der Heimat vertrieben zu werden, ist schwer genug. Kann der Hund auch mitkommen, ist das Ziel in wenigen Tagen erreicht und wird man mit offenen Armen solidarisch empfangen, so stehen die Chancen gut, dass diese Menschen eine neue Perspektive finden werden. Wenn ich je flüchten müsste, dann bitte auf diese Weise.

Weitere Blogbeiträge zum Thema