Russland-Sanktionen treffen Fischer:innen in Indonesien
WALHI
Blogartikel von Karin Mader vom 28.04.2022

Russland-Sanktionen treffen Fischer:innen in Indonesien

Russland-Sanktionen treffen Fischer:innen in Indonesien

Was hat der Krieg in der Ukraine zu tun mit ökologischen und sozialen Missständen beim Bergbau in Indonesien? Sanktionen gegen Rohstofflieferanten aus Russland führen zu einer zunehmenden Verlagerung des Nickelabbaus nach Südostasien. Damit steigen auch bereits bestehende Menschenrechts- und Umweltrisiken für die lokale Bevölkerung.

Russland liefert bis zu 15 % der weltweit geförderten Menge an hochwertigem Nickel. Vor dem Hintergrund der akuten Klimakrise und dem Umstieg auf erneuerbare Energien wächst die Nachfrage nach diesem Rohstoff, denn er ist zentral für die Herstellung von Stromspeichern, etwa für Elektrofahrzeuge. Wegen des Krieges in der Ukraine und der Sanktionen gegen Russland steigen die Kosten von Rohstoffen, die nun nicht mehr aus Russland importiert werden können. Besonders spektakulär ist die Entwicklung des Nickelpreises, der seit Jahresbeginn zeitweise um 250 % gestiegen ist. Vom Preisanstieg profitieren Indonesien und die Philippinen, die – noch vor Russland – weltweit führend sind beim Nickelabbau. Denn China, das wichtigste Produktionsland für Elektrofahrzeug-Batterien, wie auch westliche Länder, werden sich für die Deckung ihres Nickelbedarfs nun vermehrt an Indonesien und an die Philippinen wenden.
Karin Mader
Karin Mader

Karin Mader ist bei HEKS für die Themen Wirtschaft und Menschenrechte, natürliche Ressourcen verantwortlich. 

Der Engpass in der Nickelversorgungskette kann in Indonesien und auf den Philippinen schwerwiegende Auswirkungen haben.

Nickelboom verschärft Missstände in Südostasien

Was für die Einnahmen und die Gesamtwirtschaft der beiden Länder positiv erscheint, hat jedoch eine Kehrseite für die lokale Bevölkerung. «Der Engpass in der Nickelversorgungskette kann in Indonesien und auf den Philippinen schwerwiegende Auswirkungen haben», meint Shigeru vom Pacific Asia Ressource Centre, PARC, der im Auftrag der HEKS-Partnerorganisation Electronics Watch auf den philippinischen Inseln Mindanao und Palawan bei der Untersuchung von Missständen mitgewirkt hat. Ähnlich wie in Russland, wo der Bergbaukonzern «Nornickel» von indigenen Gemeinschaften für massive Umweltschäden und die Beeinträchtigung ihrer Lebensgrundlagen verantwortlich gemacht wird, verschmutzt toxischer Schlamm aus Nickelminen auch auf den Philippinen Gewässer und bedroht die Gesundheit der lokalen Bevölkerung. Die Rechte von indigenen Menschen werden auch in Südostasien missachtet; sie werden für den Bergbau von ihrem Land vertrieben und verarmen (mehr erfahren). 
«Ein weiteres Problem ist, dass Nickel auf den Philippinen hauptsächlich in Form von Laterit-Erz vorkommt, das von geringerer Qualität ist», erklärt Shigeru; «das bedeutet, dass mehr Erz abgebaut werden muss, um die gleiche Menge an Nickel in Batteriequalität zu erhalten. Dadurch werden die negativen Auswirkungen noch vervielfacht.» 

Der illegale Nickelabbau führt zu Konflikten unter der einheimischen Bevölkerung: während traditionelle Fischer um ihre Fischgründe fürchten, suchen auch immer mehr Einheimische ihr Glück im lukrativeren Rohstoffgeschäft.

Illegaler Rohstoffabbau bedroht Fischfang

Eine weitere Gefahr sieht Shigeru für die Tiefsee: «Der zusätzliche Druck auf die Nickel-Lieferketten veranlasst nun zwielichtige Unternehmen, mit dem Abbau in der Tiefsee zu beginnen. Obwohl keine Menschen in der Tiefsee leben, fürchten viele Fischer im Pazifik die negativen Auswirkungen auf das marine Ökosystem».

Auch Wasi Gede Puraka, Direktor des indonesischen «Research Centre for Crisis and Alternative Development Strategy» (INKRISPENA), einer weiteren lokalen Partnerorganisation von «Electronics Watch» und HEKS, beobachtet die Gefahr ganz konkret: «Die Insel Wawonii ist gemäss dem lokalen Küstenmanagement-Gesetz und dem Zonenplan der Provinz Südost-Sulawesi für den Zeitraum bis 2038 explizit nicht als Bergbauland ausgewiesen, sondern – zusammen mit den umgebenden Gewässern – als allgemeines Nutzungsgebiet für den lokalen Fischfang. Immer mehr Unternehmen stehen jedoch im Verdacht, stattdessen illegal Nickel abzubauen». Sie pflügen den Grund in den Küstengewässern regelrecht um. Das führt zu Konflikten unter der einheimischen Bevölkerung: während traditionelle Fischer um ihre Fischgründe fürchten, suchen auch immer mehr Einheimische ihr Glück im lukrativeren Rohstoffgeschäft – und tragen so zur Zerstörung ihrer bisherigen Lebensgrundlagen bei. 

Was tut HEKS?

HEKS unterstützt Partnerorganisationen wie «Electronics Watch» dabei, sich in Rohstoff-Abbauländern für den Respekt gegenüber den Rechten der lokalen Bevölkerung, und der Arbeiter:innen in der Bergwerksindustrie einzusetzen. HEKS engagiert sich ausserdem im globalen Norden dafür, dass die Risiken des weltweit wachsenden Rohstoffbedarfs für die Energiewende nicht einfach ausgeblendet werden. Dazu fordern wir etwa folgende Massnahmen:

  • Elektrofahrzeug- und Batteriehersteller müssen ihre Sorgfaltspflicht entlang der gesamten Lieferkette wahrnehmen – bis hin zu den Rohstoffen.
  • Die Politik soll Anreize und Regulationen schaffen, damit Batterien recyclingfähig sind, lange genutzt und anschliessend weiterverwertet werden. Dadurch vermindert sich der Bedarf an primären Rohstoffen.
  • Auch eine generelle Reduktion des Fahrzeugbestands begrenzt den Rohstoffbedarf. Dazu braucht es Veränderungen beim Mobilitätsverhalten, etwa durch den vermehrten Umstieg auf den öffentlichen und den Velo-Verkehr oder durch Carpooling.
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