Atelier-Workshop mit Personen mit unterschiedlicher Herkunft
HEKS
Blogbeitrag von Nina Vladović vom 17.05.2023

Wer gehört zur Schweiz?

Wer gehört zur Schweiz?

In der Schweiz haben heute vier von zehn Person einen Migrationshintergrund. Dies macht einen wesentlichen Teil unserer vielfältigen Gesellschaft aus. Es wäre falsch zu glauben, dass die Schweizer Gesellschaft jemals homogen war. Sie war schon immer von sprachlicher, kultureller und religiöser Vielfalt geprägt. Dennoch bleibt vielen Personen der Zugang zur Gesellschaft verwehrt. Die Frage nach Zugehörigkeit und Teilhabe – die Frage nach dem «Wir» – bleibt darum weiterhin aktuell.

Eine der bekanntesten Debatten zur Frage der Zugehörigkeit und Teilhabe war diejenige über die Rechte der Frauen. In der Schweiz waren Frauen lange von demokratischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen. So wollte der Bundesrat Ende der 1960er-Jahre die Europäische Menschenrechtskonvention unterzeichnen − unter dem Vorbehalt, den Frauen keine politischen Rechte zu gewähren. Heute würde kaum noch jemand anfechten, dass Frauen an demokratischen Entscheidungsprozessen teilhaben sollen. Die Diskussion um die «Wir»-Frage ist aber noch lange nicht abgeschlossen, sondern sie betrifft andere marginalisierte Gruppen. Im Fokus der gegenwärtigen Debatte stehen Menschen mit Behinderungen, queere Menschen oder sehr häufig Menschen mit Migrationshintergrund.
Nina Vladovic
Nina Vladović

Nina Vladović arbeitet bei HEKS als Verantwortliche für die Fachstelle Inklusion und Gesellschaftspolitik

Wir − die Schweizer, Ihr − die Ausländer

Die zunehmende Vielfalt durch Migration stellt das bisherige Narrativ von «Wir» − die Schweizer und «Ihr» − die Ausländer − infrage. Wenn in der Schweiz vier von zehn Menschen einen Migrationshintergrund haben, ist es höchste Zeit zu hinterfragen, wie sinnvoll es ist, die Gesellschaft noch im Zeichen dieser Dualität zu sehen. Waren Frauen eine «Minderheit», die sie faktisch nie waren, so ist heute die Bevölkerung mit Migrationshintergrund eine Minderheit, die bald keine mehr sein wird. Umso wichtiger ist es, die Augen nicht vor der Realität zu verschliessen, sondern miteinander zu reden, sich aktiv für Zugehörigkeit und Teilhabe dieser Bevölkerungsgruppe einzusetzen und die Vielfalt anzuerkennen.

Mehr und mehr Stimmen sind am Tisch zu hören

Vielfalt trägt zwar nicht automatisch zu einer Öffnung der Gesellschaft bei. Aber in Einwanderungsgesellschaften, insbesondere in denen, die sich als Demokratien verstehen, erfordert sie chancengerechte Teilhabe für deren Bevölkerung. In seinem Buch «Das Integrationsparadox» erklärt der deutsche Soziologe Aladin El-Mafaalani gesellschaftliche Teilhabe mit einer Tisch-Metapher: Am Anfang sassen viele Menschen auf dem Boden, darunter auch die erste Generation von Menschen mit Migrationshintergrund, die bescheiden und fleissig war und keinen Anspruch auf volle Zugehörigkeit und Teilhabe erhob. Mit der Zeit setzten sich immer mehr Personen an den Tisch. Irgendwann begannen die Menschen, sich an der Diskussion zu beteiligen. Und schliesslich wollten sie auch das Rezept mitbestimmen. Mehr und mehr Stimmen waren am Tisch zu hören.

Mehr Teilhabe führt nicht zu mehr Harmonie, aber...

Es wäre nun etwas naiv zu erwarten, dass mehr Teilhabe zu mehr Harmonie führt. Im Gegenteil, mehr Partizipation führt häufig auch zu Reibungen. Das muss nicht unbedingt als negativ beurteilt werden. El-Mafaalani erinnert daran, dass die grössten sozialen Innovationen ihren Ursprung in sozialen Auseinandersetzungen hatten. Als bekannteste Beispiele nennt er die Demokratie, die Bürger- und Menschenrechte und den Wohlfahrtsstaat. Es geht nicht darum, Auseinandersetzungen zu vermeiden, vielmehr geht es darum, mit diesen konstruktiv umzugehen.
 

Und wer gehört nun zur Schweiz?
 

Um die Frage, wer zur Schweiz gehört, zu beantworten, sollten wir zunächst eine Antwort auf die folgende Frage geben: Wie viele Menschen, die unter uns leben, werden noch heute von diesem «Wir» ausgeschlossen? Die Tatsache, dass fast jede dritte Person in der Schweiz berichtet, Diskriminierung erlebt zu haben, lässt den folgenden Rückschluss zu, dass chancengerechte Teilhabe und Gleichstellung noch nicht verwirklicht sind. Gleichzeitig ist aber auch festzuhalten, dass bereits viel erreicht wurde. Deshalb kann zur Frage, wie inklusiv und offen die heutige Gesellschaft ist, Folgendes gesagt werden: Wir sind noch nicht so weit, wie wir es gerne hätten. Aber die Tatsache, dass wir heute miteinander über Dinge reden, die früher unausgesprochen blieben, ist ein Beweis dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
 

Statements von verschiedenen Personen wann sie sich als Teil der Schweiz fühlen
Inklusion in der Schweiz
Miteinander reden

HEKS fordert die Schweizer Bevölkerung dazu auf, miteinander zu reden statt übereinander. Mit der Kampagne «Inklusion passt in jeden Alltag» geht HEKS der Frage nach, was Inklusion im Alltag bedeutet. Setze auch du dich an den Tisch und diskutiere mit!

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