Firmenschild auf einem Feld in Sierra Leone
Blogbeitrag von Silva Lieberherr und Alhaji Bunduka

Gescheitertes Investment in Sierra Leone

Blogbeitrag vom 10.12.2021

Gescheitertes Investment in Sierra Leone

Investitionen für Menschen, nicht für Grossplantagen

Für den Ältesten einer Gemeinde in Sierra Leone ist klar, wer die Schuld an den vielen drängenden Problemen seines Dorfes trägt: Die Firma Addax Bioenergy, die ursprünglich einem Schweizer Milliardär gehörte, der das Land der Gemeinde für den Anbau von Zuckerrohr-Plantagen gepachtet hatte.

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Silva Lieberherr
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Addax startete ihr Bio-Energieprojekt vor über 10 Jahren, finanziert durch Entwicklungsinstitutionen – einschliesslich öffentlicher Gelder aus der Schweiz. «Addax hat die Leute dazu gebracht, den Vertrag zu akzeptieren und hat uns so viel versprochen», sagt der Dorfälteste. Dann ging Addax Konkurs, das Plantagenunternehmen wurde zunächst an die neue Firma Sunbird verkauft, seit 2019 ist die Sri Lankische Browns Group Hauptinvestor. «Sunbird und Browns tun nichts für die Leute», fährt der Älteste fort. «Die Menschen werden immer wütender, denn das Land ist unsere Grundlage, unser Lebensunterhalt.»
 

Leere Versprechungen

In vielen Dörfern klagen die Menschen: «Addax hat uns, den Landbesitzenden, die neuen Pächter nicht einmal vorgestellt.» Die Gemeinden im Addax-Konzessionsgebiet sehen sich durch die ständigen Handänderungen der Plantage zunehmend mit Problemen konfrontiert. Es bleibt bei leeren Versprechungen, die Hoffnung der Landbesitzer und weiterer Behörden des Verwaltungsbezirks (Chiefdom) auf Entwicklung gingen bisher nicht in Erfüllung. Nicht nur die Vorstellung der neuen Inhaber blieb aus, bis heute gibt es auch keine Kommunikation zwischen dem neuen Plantagenmanagement und der Bevölkerung. Zwar behauptet Sunbird Bioenergy Sierra Leone, wie das Unternehmen heute heisst, man organisiere Gemeindeversammlungen. Diese finden aber nur in der Fabrik statt oder nach einem Brand. Es gebe keinen Ort, wo die Probleme im Zusammenhang mit den Operationen des Unternehmens vorgebracht und diskutiert werden können, sagen die Leute. Auch für Silnorf als lokale Interessensvertretung ist der Kontakt zum Unternehmen schwierig und zunehmend bürokratisch.

Fehlende Pachterträge

In der Zeit von Covid-19 hat sich einmal mehr gezeigt, dass solche Grossplantagen keine nachhaltige Entwicklung ermöglichen: Für 2020 kündigten die Besitzer der Plantage an, die jährliche Pacht um 50 Prozent zu kürzen. Begründet wurde dies mit Covid-19 und Waldbränden. Diese Pachtzahlungen sind Teil der vertraglichen Verpflichtungen des Unternehmens. Die Hälfte davon geht an die Landbesitzer, die andere Hälfte an verschiedene staatliche Behörden und traditionelle Autoritäten. Das Unternehmen beschloss, 2020 die Pacht einzig den Landbesitzern zu zahlen, nicht aber den Behörden. Diese sagten, sie seien der Meinung, das Vorgehen akzeptieren zu müssen, damit das Unternehmen nicht abwandert. Die Erträge aus der Pacht sind jedoch wichtig, da sie der Regierung die Mittel zur Verfügung stellen, um Entwicklungsprojekte für die Gemeinden zu realisieren. Die diesjährige Zahlung erfolgte im November, das heisst mit sechsmonatiger Verspätung – ein grosses Problem für die Menschen, die das Geld für Investitionen in die Landwirtschaft benötigen.

Die Gemeinden sind in hohem Mass abhängig von Sunbird Bioenergy, da sie ihre einzige Lebensgrundlage – das Land – an das Unternehmen verpachtet haben. Gelockt hatte man sie mit der in Aussicht gestellten Entwicklung. Stattdessen bleiben ihnen nun viele Probleme: Konflikte um die Landnutzung, fehlender Zugang zu sauberem Trinkwasser, verspätete Lohnzahlungen und das Problem, dass die Arbeiter nicht wissen, was mit den von ihren Gehältern abgezogenen Sozialleistungen geschieht.
 

Forderung an Regierungen und Entwicklungsinstitutionen

Die Lage der Menschen bleibt unberechenbar, da sie kaum etwas über den neuen Eigentümer wissen, der sie in die derzeitige prekäre Lage gebracht hat. Das von öffentlichen Entwicklungsbanken unterstützte Investitionsprojekt Addax zeigt deutlich, dass gross angelegte Aneignungen von Land keine nachhaltige Entwicklung ermöglichen. Öffentliche Entwicklungsfinanzierungsinstitute müssen aufhören, dafür Gelder zur Verfügung zu stellen und jenen Menschen, die bereits unter den Folgen solcher Investitionen leiden, Zugang zu Gerechtigkeit und Rechtsmitteln verschaffen.

Addax ist nur ein Beispiel. Heute veröffentlicht die sierra-leonische Organisation Sierra Leone Network for the Right to Food (Silnorf) gemeinsam mit Brot für alle und zahlreichen weiteren Partnerorganisationen drei Fallstudien (AddaxSocfinFeronia) mit politischen Forderungen, die sich sich an Regierungen in Europa und Afrika sowie an Institutionen der Entwicklungsfinanzierung richten. Darin fordern wir die Schaffung von öffentlichen und rechenschaftspflichtigen Finanzierungsmechanismen, die die Menschen darin unterstützen, Ernährungssouveränität aufzubauen, das Menschenrecht auf Nahrung zu verwirklichen, Ökosysteme zu schützen und wiederherzustellen sowie den Klimanotstand zu bekämpfen.
 

Africa-EU Partnership 2021 – Our Land is Our Life: Policy Brief (englisch)

The Case of Addax Bioenergy in Sierra Leone

The Case of Socfin in Sierra Leone

The Case of Feronia in DRC

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