Angst vor der Ausweisung

Mirian D. S. aus Brasilien hat nach einer langen Odyssee endlich eine stabile Arbeitssituation. Doch ihr Lohn reicht nicht für ihre kleine Familie. Ihr 18-jähriger Sohn ist auf Lehrstellensuche. Um über die Runden zu kommen, könnte Mirian Sozialhilfe beantragen. Das will sie aber nicht, aus Angst, dadurch ihre so kostbare Aufenthaltsbewilligung B zu verlieren. Stattdessen verschuldet sie sich, um Zahlungsbefehlen nachzukommen – der Beginn eines Teufelskreises. 

Nach dem Tod ihres Mannes steht Mirian D. S. ohne Mittel da, um ihren Sohn in Brasilien aufzuziehen. Sie ist 24 Jahre alt und hat einen 5-jährigen Jungen. Um für den Lebensunterhalt ihrer Familie aufzukommen, geht sie auf den Vorschlag einer italienisch-brasilianischen Familie ein, für 15 Monate mit ihr in die Deutschschweiz zu kommen, um sich als Nanny um deren Baby zu kümmern. Ihren eigenen Sohn lässt sie in der Heimat zurück und vertraut ihn seiner Grossmutter an. Später kommt sie zu Familienmitgliedern nach Genf und übernimmt Vertretungen als Haushaltshilfe und Babysitterin. Mit der Zeit wird sie von Arbeitgebern eingestellt, die mit ihrer Arbeit zufrieden sind. Sie fliegt nach Brasilien, um ihren Sohn Washington zu sich zu holen, der inzwischen zehn Jahre alt ist. Sie meldet ihn in Genf in der Schule an.

Zu dieser Zeit ist sie eine Sans-Papier. Sie lebt in Angst, abgeschoben zu werden, alles zurücklassen und sehen zu müssen, wie sich für ihren Sohn alle Türen schliessen, wenn er volljährig wird.

Gerechte Sozialhilfe für alle
HEKS

Man kommt sich ein bisschen wie ein Dieb vor.

Obwohl sie in der Illegalität lebt, haben sie ihre Arbeitgeber gemeldet und sie bezahlt AHV. Im Rahmen der Operation Papyrus stellt sie mithilfe von Glaucia Ribeiro, einer Mitarbeiterin von «Permanences volantes», einen Antrag auf Legalisierung und erbringt den Nachweis, dass sie seit zehn Jahren arbeitet.
Auf diesem Weg erhält Mirian D. S. 2020 die Aufenthaltsbewilligung B. «Wenn ich den Ausweis anschaue, weine ich. Ein Traum ist Wirklichkeit geworden.» Mirian D. S. betrachtet ihre Bewilligung als eine Erweiterung ihrer Identität.

Wir sind frei! Wir können jetzt sorgenlos durch die Strassen gehen und reisen. Und mein Sohn kann auch nach seinem 18. Geburtstag noch eine Ausbildung machen.

Mirian D. S. hat nun eine stabile Arbeitssituation. Die einzige Wolke am Horizont: die Ausbildung ihres Sohnes. Er sollte eine Lehre im Gastgewerbe beginnen, hat aber aufgrund der Corona-bedingten schwierigen Konjunktur noch keinen Arbeitgeber gefunden. Und da ihr Sohn inzwischen volljährig ist, sind seine Krankenkassenprämien gestiegen. Ihr Lohn reicht nicht mehr, um alle Kosten zu bezahlen. Sie verschuldet sich, um Zahlungsbefehlen nachzukommen. «Obwohl es keine grossen Summen sind, ist es doch der Beginn eines Teufelskreises», erklärt Glaucia, ihre Beraterin bei «Permanences volantes». «Als Sans-Papier konnte Mirian D. S. bei Vereinigungen um Unterstützung bitten.»

Nun könnte sie Sozialhilfe beantragen. Das will sie aber nicht, aus Angst, ihre so kostbare Aufenthaltsbewilligung zu gefährden. In solchen Situationen hat HEKS eine Rolle zu spielen, damit Leute mit vorübergehenden Schwierigkeiten nicht im Stich gelassen werden.