Magazin handeln 1/2020

Auf dem Weg zur beruflichen Integration

Die Berufstätigkeit von Maria Valencia aus Kolumbien und Donia Gudeh aus Syrien wurde durch ihre Flucht in die Schweiz jäh unterbrochen. Mit Willensstärke, Ausdauer und mit der Unterstützung von «HEKS MosaiQ» erkämpfen sich die beiden Frauen Schritt für Schritt den Einstieg in den Schweizer Arbeitsmarkt. Text: Andrea Oertli

Die Geschichte von Maria Valencia

Seit September 2019 absolviert Maria Valencia (43) ein Praktikum im Büro der Carl Heusser AG, einer Firma im Bereich Wassermanagement. Dafür pendelt sie dreimal in der Woche von Wetzikon im Kanton Zürich nach Cham im Kanton Zug, eineinhalb Stunden hin und zurück. Nicht optimal für die alleinerziehende Mutter von vier Kindern. Doch Maria Valencia hat hier eine Chance erhalten, und diese will sie packen.

Zur Flucht gezwungen

Maria Valencia ist diplomierte Sanitärtechnikerin: «In Kolumbien habe ich 14 Jahre lang im nationalen Erwachsenenbildungszentrum als Projektleiterin und Instruktorin in den Bereichen Umweltschutz und Wasseraufbereitung gearbeitet.» Bis zu dem tragischen Tag, als Maria Valencias Ehemann ermordet wurde und sie mit ihren vier Kindern fliehen musste. Seit 2015 lebt die Familie nun in der Schweiz.
Nachdem der Aufenthaltsstatus der Flüchtlingsfamilie geklärt war, erhielt Maria Valencia 2017 einen Brief vom Sozialdienst mit der Aufforderung, eine Arbeit zu finden: «Da hat es in meinem Kopf ‹Klick› gemacht! Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht mehr an meinen Beruf gedacht.» Kurz darauf besuchte Maria Valencia ein Berufsinformationszentrum. Die Berufsberaterin bemerkte den Lebenslauf mit Universitätsabschluss und vermittelte Maria Valencia an die Fachstelle für qualifizierte MigrantInnen «HEKS MosaiQ» in Zürich.
Arbeitsintegration dank HEKS Mosaiq für qualifizierte MigrantInnen
Niklaus Spoerri

Die Begleitung durch ‹HEKS MosaiQ› erleichterte es mir, mit potenziellen Arbeitgebern in Kontakt zu treten.

Von der «HEKS MosaiQ»-Mitarbeiterin Sarah Steiner fühlte sich Maria Valencia sofort ernst genommen. Gemeinsam analysierten sie ihre beruflichen Möglichkeiten und setzten realistische Ziele. Es folgten die Diplomanerkennung bei Swissuniversities, ein Deutschkurs zur Erreichung des B2-Niveaus, zwei Schnuppersemester in Umweltwissenschaften an der Universität Zürich, die Perfektionierung der Bewerbungsunterlagen und unzählige Kontaktaufnahmen mit potenziellen Arbeitgebenden.

Endlich eine positive Antwort

«Als ich von ‹HEKS MosaiQ› per E-Mail die Anfrage erhielt, Maria Valencia für ein Praktikum einzustellen, gefiel mir die Idee sofort», erinnert sich Pascal Zuberbühler, Geschäftsführer der Carl Heusser AG. Zu jenem Zeitpunkt machte er sich gerade Gedanken darüber, wie er neue Mitarbeitende finden könnte. Denn im Sanitärsektor herrscht Fachkräftemangel. «Als Unternehmer gilt es daher, offen zu bleiben.» Fünf Minuten später griff er zum Telefon und vereinbarte mit ‹HEKS MosaiQ› und Maria Valencia ein erstes Treffen.
Damit sie Beruf und Familie unter einen Hut bringen kann, haben sich Maria Valencia und ihr Arbeitgeber auf ein Praktikumspensum von 40 Prozent geeinigt, vorerst für die Dauer von 6 Monaten. Als Bürokraft erledigt sie die Administration von Wartungs- und Serviceaufträgen und erhält dafür einen symbolischen Lohn. Zwar brauche Maria Valencia Zeit, um sich wieder ins Berufsleben einzufinden, insgesamt wertet Pascal Zuberbühler die Praktikumsanstellung jedoch als Win-win-Situation: «Maria lernt viel dazu und wird für uns je länger, je mehr zu einer richtigen Unterstützung. Mit ihrer positiven Art ist sie für das Team eine Bereicherung.» Maria Valencia sieht das Praktikum als Chance, den Schweizer Sanitär-
sektor kennenzulernen und ihr Deutsch weiter zu verbessern: «Es ist ein erster Schritt auf dem Weg zu einer qualifizierten Arbeit in der Schweiz.»
Arbeitsintegration dank HEKS Mosaiq für qualifizierte MigrantInnen
Niklaus Spoerri

Die Geschichte von Donia Gudeh

Als sie 2018 die Fachstelle «HEKS MosaiQ Ostschweiz» aufsuchte, träumte Donia Gudeh (28) davon, Soziale Arbeit zu studieren. Von HEKS erhoffte sich die junge Syrerin Unterstützung beim Anmeldeprozess sowie bei der Finanzierung des fortgeschrittenen C2-Deutschkurses. Denn dieses nach GER (Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen) höchste Deutsch-Niveau wurde als Voraussetzung für die Zulassung zum Studium verlangt.
2008 machte Donia Gudeh ihre Matura in Syrien und arbeitete danach als Verwaltungsbeamtin. Als der Krieg ausbrach, flüchtete sie mit ihrer Familie 2014 zu ihrer Tante in die Schweiz. Donia Gudeh begriff schnell: «Wenn ich hier eine Arbeit finden will, muss ich Deutsch lernen.» Sie mochte Sprachen, machte schnell Fortschritte. «Doch trotz guten Deutschkenntnissen und intensiver Suche fand ich keine Arbeitsstelle. Eine Bekannte brachte mich schliesslich auf die Idee eines Fachhochschulstudiums in Sozialer Arbeit.»
Arbeitsintegration durch HEKS Mosaiq für qualifizierte MigrantInnen
Hélène Tobler

Den Rest meines Lebens unqualifizierte Jobs ausführen, das wollte ich nicht.

Eine zu hohe Hürde

Ein 6-monatiges soziales Vorpraktikum hatte Donia Gudeh bereits absolviert. Gemeinsam mit Jelena Milošević von «HEKS MosaiQ Ostschweiz» nahm sie nun die anderen Zulassungsbedingungen für das Studium in Angriff: Donia Gudeh erstellte ein Bewerbungsdossier und reichte es an der Fachhochschule (FHS) St. Gallen ein. Jelena Milošević kümmerte sich um die Deutschkursfinanzierung und fand einen freiwilligen Mentor, der Donia Gudeh bei der Vorbereitung zur Deutschprüfung unterstützte. Zu ihrer grossen Freude gelang die Annahme zum Studiengang Soziale Arbeit im ersten Anlauf. Das Studium konnte sie jedoch über ein Jahr lang nicht beginnen. Denn trotz harter Arbeit und mehreren Anläufen bestand Donia Gudeh die Prüfung für das geforderte Deutschniveau C2 nicht.

Das System für alle verbessern

«Als mir klar wurde, wie schwierig die C2-Prüfung war, und dass selbst viele SchweizerInnen deutscher Muttersprache diese Prüfung nicht bestehen würden, empfand ich diese Zulassungsbedingung als ungerecht», erzählt Jelena Milošević. Sie suchte das Gespräch mit der FHS St. Gallen, klinkte sich ein in die dort bereits laufende Diskussion zum gleichen Anliegen und engagierte sich hartnäckig für Donia Gudehs Traum. Nach einem breit abgestützten Prozess kamen die Hochschulen Soziale Arbeit im Dezember 2019 zu einem Entscheid: Die Sprachanforderung für das Studium wird schweizweit auf das GER-Niveau C1 gesenkt.
Donia Gudeh ist stolz und überglücklich. Im Februar 2020 beginnt sie ihr Bachelorstudium an der FHS St. Gallen. Die Anpassung der Sprachanforderung eröffnet aber nicht nur Donia Gudeh eine grosse Chance. Auch für alle anderen MigrantInnen in der Schweiz wird der Zugang zum Studium der Sozialen Arbeit damit erleichtert.
Arbeitsintegration für qualifizierte MigrantInnen dank HEKS mosaiq
Hélène Tobler

3 Jahre «HEKS MosaiQ»

Seit der Lancierung des nationalen HEKS-Programms «MosaiQ» 2017 haben über tausend qualifizierte MigrantInnen wie Maria Valencia und Donia Gudeh die Beratung oder Begleitung der Fachstellen in den Regionen Aargau, beide Basel, Bern, Ostschweiz, Waadt und Zürich genutzt. Die Erfahrung der ersten drei Jahre zeigt: Das Angebot von «HEKS MosaiQ» entspricht einem grossen Bedürfnis. Die Fachstellen erleben einen steten Zulauf von Teilnehmenden, vermehrt erfolgen Zuweisungen von Personen durch Behörden wie Sozialdienste oder regionale Arbeitsvermittlungszentren (RAV).
Gleichzeitig gestaltet sich die nachhaltige Finanzierung der «HEKS MosaiQ»-Programme als grosse Herausforderung. Im Herbst 2019 musste die Fachstelle «HEKS MosaiQ beider Basel» geschlossen werden, weil keine tragfähige Finanzierung gesichert werden konnte. Dabei lohnt sich die Investition, ist HEKS überzeugt. Denn durch eine gezielte und zeitlich begrenzte Unterstützung könnten insbesondere qualifizierte MigrantInnen ein grosses Potenzial entfalten und sich nicht nur zu wertvollen Fachkräften entwickeln, sondern auch zu integrierten und beruflich erfüllten Mitgliedern der Schweizer Gesellschaft.
Fachstellen für qualifizierte MigrantInnen aus Drittstaaten
Integration
Fachstellen für qualifizierte MigrantInnen

«HEKS MosaiQ» berät und begleitet qualifizierte MigrantInnen bei der Anerkennung ihrer ausländischen Diplome, damit sie ihr berufliches Potenzial in den Schweizer Arbeitsmarkt einbringen können.

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