«Die Angst vor dem Monsun»

Sebastian Zug ist verantwortlich für die Humanitäre Hilfe von HEKS für die von Myanmar nach Bangladesch geflüchteten Rohingya. Für die kommende Monsun-Zeit werden grosse Überschwemmungen und Sturzfluten auch im Flüchtlingslager Jamtoli, wo HEKS seine Projekte durchführt, erwartet. Allein im Juli fällt in Bangladesch durchschnittlich so viel Regen wie im Schweizer Mittelland während eines Jahres. Bei Temperaturen über 30 Grad und heftigen Gewittern ist ein menschenwürdiges Leben im Camp kaum vorstellbar – eine Herausforderung für die 50’000 Flüchtlinge, aber auch für HEKS und seine Partnerorganisation «Christian Aid».

Sebastian Zug
HEKS

Interview: Bettina Filacanavo
Fotograf: Faysal Ahmad

Sebastian, was erwartet die Menschen in den Flüchtlingscamps, wenn der Monsun losgeht?
Bangladesch hat eine ausgeprägte Regenzeit. Bereits im Mai gibt es erste starke Regenfälle, in den Folgemonaten nehmen diese noch zu. Im Distrikt Cox’s Bazar, wo die geflüchteten Rohingya leben, fällt im Juni 800 Millimeter Regen, im Juli 900 und im August nochmals 700 Millimeter. Zum Vergleich: Basel hat in einem Jahr eine Niederschlagsmenge von knapp 800 Millimetern. Ich habe selbst mehrere Jahre in Bangladesch gelebt. Häufig regnet es kurz und heftig. Ein halbstündiges Gewitter kann Strassen und Häuser hüfthoch unter Wasser setzen.

Inwiefern könnten die sintflutartigen Regenfälle im Camp Jamtoli zur Katastrophe führen?
Die Rohingya kennen den Monsun zwar sehr gut aus ihrer Heimat. Während sie sich in ihren Dörfern auf die sintflutartigen Regenfälle vorbereiten konnten, ist dies in den Flüchtlingscamps jedoch kaum möglich. Denn in Bangladesch ist es den Rohingya lediglich erlaubt, Häuser aus Bambusstangen und Plastikplanen zu bauen. Diese halten dem Monsun nur bedingt stand. Abgesehen davon hätten weder die Rohingya noch die internationalen Organisationen genügend finanzielle Mittel, um widerstandsfähige Häuser zu bauen.

Zudem ist das Gelände nicht optimal. Im Camp Jamtoli wurde jeder Familie eine kleine Parzelle auf Hügeln zwischen Reisfeldern zugewiesen. Der Wald auf den Hügeln wurde komplett gerodet. Um ihre Hütten zu bauen, haben die Rohingya Terrassen in den Hügel gegraben. Zwischen den Häusern führen Fusswege die Hügel hinab. Da der Grossteil der Fläche mit Hütten überbaut ist, kann der Boden die grosse Wassermenge kaum aufnehmen. Die Fusswege werden sich in Flüsse verwandeln, die Terrassen erodieren und im schlimmsten Fall Hänge abrutschen.

Ein grosses Problem im Camp sind überfüllte Latrinen. Besteht die Gefahr, dass sich die Hygienesituation in der Regenzeit weiter verschlimmert?
Die Vertreibung der Rohingya seit August 2017 ging unglaublich schnell. In den ersten zwei Wochen sind 400’000 Rohingya aus Myanmar geflüchtet, mittlerweile sind es knapp 700’000. In der ersten Phase mussten deshalb sehr schnell viel Trinkwasser und Toiletten bereitgestellt werden, um die Grundversorgung der Leute zu sichern. Dabei konnten zu Beginn nur Notlatrinen gebaut werden. Die Tanks der Toiletten waren aber schon nach wenigen Wochen überfüllt. Zwar bauten HEKS und anderen Organisationen in den Folgemonaten Toiletten von besserer Qualität und mit bis zu zehnmal mehr Fassungsvermögen, doch das Problem ist damit noch nicht gelöst. Denn  die alten überfüllten Nottoiletten stellen generell ein Risiko dar, das sich in der Regenzeit noch verstärken wird. Die Tanks der Toiletten könnten überflutet oder durch Erosion freigelegt werden, wodurch die Fäkalien ins Oberflächenwasser gelangen würden – mit schwerwiegenden Konsequenzen für die Gesundheit der Rohingya.

Was muss dringend gemacht werden, um die Situation mit den Latrinen in den Griff zu bekommen?
HEKS implementiert ein Projekt im Camp Jamtoli, um die bestehende Infrastruktur zu stabilisieren und langfristig zu sichern. 450 nicht mehr verwendete Nottoiletten werden entleert und anschliessend abgebaut und entsorgt. So wird die Gefahr, dass Fäkalien ins Oberflächenwasser gelangen, deutlich verringert.
Aber auch die neugebauten, grösseren Toiletten füllen sich kontinuierlich. Diese müssen zwar nicht entsorgt, aber regelmässig entleert werden. HEKS wird 800 Latrinen auspumpen. Um die Fäkalien zu entsorgen, unterstützt HEKS den Bau einer kleinen Kläranlage ausserhalb des Camps.

Wie sieht es mit der Trinkwasserversorgung aus?
Wie bei den Toiletten hat sich in den vergangenen Monaten auch hinsichtlich Trinkwasserversorgung einiges verändert. Zu Beginn wurden viele nicht sehr tiefe Brunnen gebohrt und Handpumpen installiert. Dies geht zwar schnell und ist relativ preiswert, jedoch ist das oberflächennahe Grundwasser durch die vielen Toiletten im Camp mittlerweile stark mit  Kolibakterien kontaminiert. Dadurch haben viele Menschen nur Zugang zu gesundheitsschädlichem Wasser. Das Konzept zur Verbesserung der Trinkwasserversorgung von HEKS ist zwar deutlich teurer, aber nachhaltiger: Vier Brunnen sind im Bau, die sauberes Wasser aus sehr tiefen und gesundheitlich unbedenklichen wasserführenden Schichten mit Solarpumpen auf die Hügel befördern. Dieses wird durch Wasserleitungen zu Wasserstellen geleitet, an denen die Bewohner des Camps ihre Kanister füllen können. Zudem erhalten sie Hygieneartikeln wie Seife und werden für Hygienemassnahmen sensibilisiert.

Mai 2018

 

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Bettina Filacanavo
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