HEKS-Stellennetz
Nathalie Taiana
Integration

Mit «HEKS Stellennetz» den Motor am Laufen halten

Mit «HEKS Stellennetz» den Motor am Laufen halten

Text: Andrea Oertli, Fotos: Nathalie Taiana

Das Integrationsprogramm «HEKS Stellennetz» integriert im Berner Oberland und in der Region Emmental/Oberaargau erwerbslose Erwachsene in den Arbeitsmarkt. Die Programmteilnehmenden werden durch individuelle Arbeitseinsätze, Beratung und das Kursangebot «Bewerbung» unterstützt.

Campingfahrzeuge umplatzieren, bei der Storenmontage assistieren, Ersatzteile aus dem Lager holen – während der letzten sechs Monate packte Thomas Weissmüller als Allrounder in der Werkstatt der Ruchti AG in Steffisburg mit an. Er leistete hier einen Arbeitseinsatz, vermittelt durch das Arbeitsintegrationsprogramm «HEKS Stellennetz». Heute ist bereits sein letzter Arbeitstag. «Bis zuletzt hatte ich gehofft, dass ich bei der Ruchti AG bleiben könnte», erzählt Thomas Weissmüller. «Ich bin ein Camping- Fan, der Betrieb ist familiär, die Chemie mit dem Chef und mit den Arbeitskollegen stimmte.» Natürlich ist seine Enttäuschung, dass er hier nicht bleiben kann, gross. Doch sei es für ihn schon nachvollziehbar, dass die Firma in der gegenwärtigen Wirtschaftslage keine neuen Leute einstellen könne. Zum Abschied brachte Thomas Weissmüller seinen Kollegen heute einen Berliner zum Znüni mit.

Nach der zigsten Absage beginnst du irgendwann, an dir zu zweifeln.

Ein «Büezer» auf Stellensuche

Thomas Weissmüller (46) aus Thun ist eigentlich gelernter Baumaler. Gearbeitet hat er jedoch schon in ganz unterschiedlichen Berufen, weil er die Abwechslung mag und weil es seine bisherigen Jobs eben erforderten. Nach fünf Jahren als Baumaler arbeitete er auch im Stückgutservice, in der Pulverbeschichtung, als Spediteur und Staplerarbeiter, in einer Schreinerei und zuletzt als Lagerist. Im Juni 2019 musste die Abteilung, in der er als Lagermitarbeiter und Monteur angestellt war, geschlossen werden. Seither ist Thomas Weissmüller stellensuchend.

Mit der Zeit setzten ihm die Stellensuche und die vielen Absagen immer stärker zu: «Nach der zigsten Absage beginnst du irgendwann, an dir zu zweifeln.» Das Schlimmste sei für ihn aber die Lethargie gewesen, in die er fiel, erinnert sich Thomas Weissmüller: «Irgendwann war der Haushalt gemacht, der Garten gejätet. Alles, was ich erledigen konnte, hatte ich erledigt. Meine Frau und meine Freunde arbeiten alle. Ich sass allein zu Hause und schlug die Zeit tot.» Nach einem halben Jahr hielt Thomas Weissmüller diese Situation nicht mehr aus. Er suchte das Gespräch mit seiner Beraterin des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV): «Ich wollte einfach irgendetwas machen, mich wieder irgendwo einfügen können.» Die RAV-Beraterin ging auf ihn ein und machte ihm drei Vorschläge, einer davon: ein 6-monatiger Arbeitseinsatz mit «HEKS Stellennetz».

HEKS-Stellennetzt Arbeitsintegration in Bern
Nathalie Taiana

Kontakte zur Arbeitswelt behalten

«HEKS Stellennetz» ist ein Arbeitsintegrationsprogramm für die Regionen Emmental / Oberaargau und Berner Oberland. Im Auftrag des Amtes für Arbeitslosenversicherung (AVA) des Kantons Bern unterstützt HEKS erwerbslose Erwachsene bei ihrer Integration in den ersten Arbeitsmarkt. «Im Zentrum des Programms steht die Berufserfahrung: Mit einem Einsatz in einem externen Betrieb erweitern die TeilnehmerInnen ihr Potenzial, knüpfen Kontakte zur Arbeitswelt und erarbeiten eine aktuelle Referenz», erklärt die Programmleiterin Michèle Pauli.

Für die Arbeitseinsätze kann «HEKS Stellennetz» heute auf einen Pool von über 870 Betrieben zurückgreifen. Die Idee, beim Wohnmobilhändler Ruchti AG anzufragen, hatte Thomas Weissmüller jedoch selbst. «Als wir die Anfrage von «HEKS Stellennetz» erhielten, waren wir sofort interessiert. Gerade in der Hauptsaison sind wir immer froh um Unterstützung», berichtet Werkstattleiter Sandro Rosset. Vorbehalte gegenüber dem Arbeitsintegrationsprogramm habe er keine gehabt. «Vielleicht gibt es einige wenige Leute, die beim RAV sind, weil sie nicht arbeiten wollen. Diesen Eindruck machte mir Thomas Weissmüller beim Vorstellungsgespräch aber überhaupt nicht. Im Gegenteil.» So konnte der Einsatz starten und Thomas Weissmüller fand in der Camping-Familie schnell Anschluss. In der Regel arbeitete Thomas Weissmüller vier Tage die Woche bei Ruchti, mittwochs besuchte er jeweils den Kurs «Bewerbung» von «HEKS Stellennetz».

HEKS-Stellennetz - Arbeitsintegration im Kanton Bern
Nathalie Taiana

«Hey, das wär doch was für dich!»

Es sei für ihn eine grosse Entlastung gewesen, die Bewerbungen nicht abends nach der Arbeit schreiben zu müssen und bei dem Prozess von den Kursleitenden begleitet zu werden: «Ich bin halt eher der Büezer als der Administrative», schmunzelt Thomas Weissmüller. Das Rechtschreibprogramm auf dem Computer helfe schon, aber es sage halt nichts dazu, ob eine Satzstellung Sinn mache oder wie das Schreiben auf jemanden wirke: «Ich war sehr froh, dass die Leute vom ‹Stellennetz› meine Briefe noch durchgelesen und Inputs gegeben haben.»

Die Kursleitenden hätten ihn auch immer wieder auf interessante Stellenanzeigen hingewiesen, und auch die Kursteilnehmenden hätten sich gegenseitig unterstützt: «Wir waren zu viert in einer Gruppe. Mit der Zeit wussten wir voneinander, wer nach welcher Art von Stelle suchte, und haben uns gegenseitig auf Stellenanzeigen hingewiesen.»

Auch die Betriebe profitieren

Die Zusammenarbeit mit dem Arbeitsintegrationsprogramm beurteilt auch Werkstattleiter Sandro Rosset positiv: «Thomas Weissmüller war vom ersten Tag an mit viel Begeisterung und Einsatz dabei. Er brachte Erfahrung und sogar einen Anhängerausweis mit. Wir konnten ihn sehr gut einsetzen.» Ein Zusatzaufwand sei für den Betrieb insbesondere in der Einarbeitungsphase entstanden. Und bis zum Schluss war eine gute Planung durch den Werkstattleiter gefordert: «Ich wollte sicherstellen, dass Thomas Weissmüller immer beschäftigt und gefordert war – damit sein Einsatz für ihn ‹fägt› und auch für uns.» Würde er die Zusammenarbeit mit Stellennetz weiterempfehlen? «Ja, absolut!» Über ein solches Feedback freut sich Michèle Pauli vom «HEKS Stellennetz». Sie und ihr Team wissen, dass auch die Betriebe in der Regel von den Einsätzen profitieren: «Die TeilnehmerInnen sind produktiv. Der Betrieb hat also einen wirtschaftlichen Gegenwert für seine Aufwände.» Zudem biete ein Einsatz einem Betrieb die Chance, einen potenziellen neuen Mitarbeiter bzw. eine neue Mitarbeiterin während sechs Monaten kennenzulernen und bei Interesse anschliessend einzustellen.

HEKS-Stellennetz - Arbeitsintegration im Kanton Bern
Nathalie Taiana

Den Bewerbungsrucksack aufgerüstet

Eine Weiterbeschäftigung bei der Ruchti AG, das hätte sich auch Thomas Weissmüller gewünscht. Doch die Corona-Krise verbaute ihm diese Chance, auch zum grossen Bedauern von Sandro Rosset: «Wir hätten ihn gerne weiterbeschäftigt, doch die wirtschaftliche Situation lässt es nicht zu. Wegen der Corona-Reiserestriktionen ist unsere momentane Auftragslage extrem schlecht.»

Mit dem Ende des Arbeitseinsatzes ist für Thomas Weissmüller auch sein Programm bei «HEKS Stellennetz» abgeschlossen. Nun geht für ihn das Bewerbungenschreiben vom heimischen Computer aus weiter. Die Erinnerung an die Stellensuche vor einem Jahr löse bei ihm viele Unsicherheiten aus, gesteht Thomas Weissmüller. Gleichzeitig gebe es ihm Mut zu wissen, dass die Ausgangslage heute eine andere sei: «Ich habe ein sehr gutes Arbeitszeugnis von Ruchti bekommen. Das ist viel wert.» Ein aktuelles Zeugnis sei für potenzielle Arbeitgeber eine wichtige Referenz und zeige ihnen zudem, dass er während der Zeit der Stellensuche nicht untätig gewesen, sondern am Ball geblieben sei. Auch persönlich fühlt sich Thomas Weissmüller gestärkt für die Stellensuche: «Die gute Zeit bei der Ruchti AG und das positive Feedback, das ich vom Team und vom Chef bekommen habe, gibt mir neues Selbstvertrauen.»

HEKS Stellennetz
Zahlen und Fakten

«HEKS Stellennetz» ermöglicht erwerbslosen Menschen den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt und damit die nachhaltige Verbesserung ihrer Lebenssituation. Am Programm können nur Erwerbslose teilnehmen, die bei der Arbeits­losen­versicherung anspruchs­berechtigt sind. Die Zuweisung zum Programm erfolgt über das zuständige Regionale Arbeits­vermittlungs­zentrum (RAV). 2019 haben 307 Stellensuchende am Programm von «HEKS Stellennetz » teilgenommen. Von den 214 Austretenden fanden 33% eine Stelle, 21% eine andere Anschlusslösung. 46% waren nach Abschluss oder Abbruch des Einsatzes weiterhin stellensuchend.