HEKS-Geschichte

Seit 75 Jahren setzt sich HEKS für notleidende und benachteiligte Menschen ein. Aus der kirchlichen Hilfs- und Wiederaufbauarbeit im kriegszerstörten und bitterarmen Nachkriegseuropa ist im Laufe der Jahrzehnte ein weltweites Engagement für eine menschlichere und gerechtere Welt geworden – und aus HEKS ein professionelles Hilfswerk, das mit seinen Projekten über eine Million Menschen unterstützt.

1945/46

Ein Hilfswerk entsteht

Am Ende des Zweiten Weltkrieges ruft der Evangelische Kirchenbund in der Bevölkerung zu Spenden auf, um der notleidenden Bevölkerung im kriegsversehrten Europa beizustehen. Die Solidarität ist riesig, über zwei Millionen Franken kommen zusammen. Als schwieriger erweist es sich, das Geld nun schnell und richtig für Nothilfe und Wiederaufbau einzusetzen. Angesichts der Grösse dieser Aufgabe braucht es eine eigene Stelle der Kirchen, um die Hilfsaktionen zu organisieren und zu koordinieren. Am 1. Januar 1946 entsteht das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz. Niemand denkt zu dieser Zeit an ein bleibendes Werk.
Die Geschichte vom HEKS
HEKS

1946-1953

Zwischenkirchliche Wiederaufbauhilfe

Ausserordentliches wird geleistet in den Anfangsjahren: Rund 4000 Tonnen von Schweizer Gemeinden gespendete Kleider, Schuhe, Decken, Seife, Konserven, Kartoffeln und andere Sachspenden werden allein in den ersten zwei Jahren in die Nachbarländer verschickt. HEKS organisiert Notspeisungen für Kinder und ältere Menschen, gründet Waisenhäuser und Kinderheime, verschickt Rohbaumwolle, die zu Leintüchern verarbeitet und an Flüchtlinge und Spitäler gespendet werden. HEKS ermöglicht Kriegskindern Erholungsaufenthalte in der Schweiz, liefert Barackenkirchen ins kriegszerstörte Ausland und baut eine Vermittlungsstelle für theologische Literatur auf. Mit dem «Casa Locarno» schafft HEKS im Tessin ein Haus der Erholung und der Begegnung für Menschen unterschiedlichster Nationen und Religionen: In den ersten 20 Jahren besuchen rund 5000 Menschen aus 36 Ländern das Haus. Während des Kalten Krieges unterstützt HEKS auch Kirchgemeinden in Osteuropa bei ihrer kirchlichen und diakonischen Arbeit und initiiert erste Gemeindepartnerschaften. 1949 übernimmt HEKS die «Evangelische Flüchtlingshilfe» in der Schweiz und gründet 1951 in Weesen ein Altersheim für evangelische Flüchtlinge aus Osteuropa.
HEKS-Geschichte 1944-1954
Otto Stork

1954–1960

Beginn der internationalen Entwicklungshilfe

Die Kolonialstaaten in Afrika und Asien erkämpfen sich ihre politische Unabhängigkeit. HEKS weitet sein Engagement auf diese Kontinente aus und leistet Nothilfe in Algerien, sendet Kleiderspenden nach Iran und Jordanien, spendet Bücher und Stipendien für Studierende in Asien. Mit Kollekten der Landeskirchen startet das erste Entwicklungsprojekt im Süden: eine Lehrwerkstätte für Werkzeugmacher in Südindien. Später beteiligt sich HEKS in der Demokratischen Republik Kongo am Aufbau protestantischer Mittelschulen und startet erste Programme in Haiti und Argentinien. 1956 fliehen über 200’000 UngarInnen aus ihrem Land, rund 10'000 erhalten Asyl in der Schweiz. Der HEKS-Flüchtlingsdienst steht damit zum ersten Mal in der Situation des Ernstfalles und organisiert die Aufnahme und Versorgung von 2000 protestantischen ungarischen Flüchtlingen.
HEKS-Geschichte 1954-1960
Samuel Andres

1961–1969

Grosse Hilfsaktionen

Die Kirchen und Hilfswerke in der Schweiz sammeln mit der Aktion «Brot für Brüder» (später «Brot für alle») innerhalb von zwei Jahren 15,7 Millionen Franken für Entwicklungshilfe-Projekte von HEKS und den evangelischen Missionen. Geplant war eine einmalige Sammlung. Bald erkannte man, dass jedes Jahr kirchliche Mittel nötig sein würden, damit «Solidarität mit Benachteiligten» keine leeren Worte bleiben. Zudem führen Reformierte und Katholiken erstmals eine gemeinsame Hilfsaktion für die Opfer des Biafra-Krieges durch («Joint Church Aid»). Und mit der Unterstützung des «Delta Ministry»-Projekts im US-Staat Mississippi setzt HEKS ein Zeichen für die Gleichberechtigung der AfroamerikanerInnen in den USA.

HEKS Geschichte 1961-1969
HEKS Archiv

1970–1979

Katastrophenhilfe und Entwicklungspolitik

HEKS wird politischer, Fragen zu Gerechtigkeit, Asyl, Krieg und Frieden rücken in den Fokus. HEKS verstärkt seine entwicklungspolitische Kommunikation in der Schweiz und stellt sich dezidiert auf die Seite der rassistisch und durch die Apartheid unterdrückten Bevölkerungsgruppen und unterstützt sie ihrem Streben nach Gleichberechtigung in Angola, Simbabwe und Südafrika. HEKS beteiligt sich am Anti-Rassismus-Programm des Ökumenischen Rates der Kirchen und erntet dafür viel Kritik. Nach dem Vietnamkrieg leistet HEKS nach Jahren der Nothilfe auch Wiederaufbauarbeit. Zudem lobbyiert HEKS in der Schweiz für die Aufnahme zusätzlicher Indochina-Flüchtlinge und unterstützt diese in der Schweiz bei der Integration. In diesen Jahren werden Beziehungen zu Hilfswerken, Menschenrechtsgruppen und Basisbewegungen ausgeweitet und so die Entwicklungsarbeit gefördert. Nach Hochwasserkatastrophen in Nordafrika und Osteuropa, Erdbeben in der Türkei und Peru sowie einer Sturmflut in Pakistan baut HEKS zudem einen eigenen Katastrophendienst auf.

HEKS Geschichte 1970-1979
HEKS Archiv

1980–1989

Verstärktes Engagement für Flüchtlinge in der Schweiz

Die Jahre sind geprägt von grossen Auseinandersetzungen im Flüchtlings- und Asylbereich. Anhaltende Flüchtlingszuwanderungen lassen den Flüchtlingsdienst von HEKS zur grössten Abteilung anwachsen. 1980 findet erstmals der «Tag des Flüchtlings» in Basel statt. Um die Aufnahme und Betreuung von Flüchtlingen vor allem aus Südostasien zu organisieren, entstehen in der ersten Hälfte der 1980er Jahre die HEKS-Regionalstellen. Und um Flüchtlingen und Asylsuchenden mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, wird 1984 die erste Beratungsstelle für Asylsuchende eröffnet. HEKS setzte sich öffentlich, mit Referenden und Mahnwachen, gegen die zunehmende Verschärfung der Asyldebatte und -politik ein. Ausserhalb der Schweiz unterstützt HEKS Programme für Flüchtlinge und Vertriebene im südlichen Afrika, in Afghanistan, Eritrea, Äthiopien, Libanon, EI Salvador, Guatemala, Mexiko und auf den Philippinen. 1986 kündigt HEKS einseitig seine Beziehungen zur Schweizerischen Bankgesellschaft, was zu empörten Reaktionen in der Schweizer Öffentlichkeit führt. HEKS bezieht, aus der konkreten Projekterfahrung in Südafrika heraus, öffentlich gegen die renommierte Bank Stellung, weil diese das UNO-Embargo willentlich unterläuft. 1988 lanciert HEKS den jährlich stattfindenden Osteuropa-Tag.
HEKS Geschichte 1980-1989
HEKS Archiv

1990–1999

Wende in Osteuropa, Balkankrieg, erweitertes Inlandmandat

Nach dem Ende des Kalten Krieges werden die Projekte in Europa ganz neu ausgerichtet: Aufbauhilfe in den ehemaligen Ostblockstaaten und die grosse Nothilfe während der Jugoslawienkriege prägen diese Jahre. In Rumänien etwa beginnt in Ergänzung zur zwischenkirchlichen Hilfe der Aufbau eines regionalen ländlichen Entwicklungsprogrammes. HEKS beteiligt sich an Nothilfe- und Wiederaufbauprojekten in Mazedonien, Albanien und Kosovo. Zehntausende Flüchtlinge kommen in die Schweiz – viele werden in den nächsten Jahren vom HEKS unterstützt mit Projekten zur Begleitung und Beratung in der Schweiz, sowie zur Vorbereitung ihrer Rückkehr. Der Kirchenbund erweitert das Inlandmandat des HEKS im Jahr 1991 mit dem Auftrag «Engagement für sozial Benachteiligte». In der Folge gründet HEKS 1993 mit dem Wohnprojekt Birseck für suchtkranke Menschen sein erstes Projekt für sozial benachteiligte SchweizerInnen und baut Projekte zur Integration von Arbeitslosen auf. Nach dem Genozid in Ruanda leistet HEKS Nothilfe. Zudem koordiniert HEKS die internationale kirchliche Wahlbeobachtung in Südafrika und in Mosambik. In Lateinamerika unterstützt HEKS die Agrarreform und setzt sich für Landlose ein.
HEKS Geschichte 1990-1996
HEKS Archiv

2000–2010

Nothilfe, Neuausrichtung der Inlandarbeit, Fokussierung

Immer häufiger leistet HEKS nach Naturkatastrophen und in bewaffneten Konflikten Nothilfe. 2005 ist ein Jahr der Katastrophen: HEKS startet ein gross angelegtes Wiederaufbauprojekt in Sri Lanka nach dem Tsunami in Asien und leistet Nothilfe nach Unwetterkatastrophen in Rumänien, Südmexiko, Guatemala, Kaschmir, Niger und im Sudan. In der Schweiz verliert HEKS 2001 das Bundesmandat für die Flüchtlingsbetreuung. Inhaltlich kommt es zu einer Verlagerung in Richtung Rechtshilfe und Integrations- und Arbeitsprojekte für MigrantInnen und sozial Benachteiligte. Es findet eine zunehmende strategische Fokussierung und Professionalisierung statt. Für die Umsetzung der Programme im Ausland werden in allen HEKS-Schwerpunktländern lokale Koordinationsstrukturen eingerichtet. HEKS beginnt Landesprogramme einzuführen mit dem Ziel einer stärkeren inhaltlichen und geografischen Fokussierung der Auslandarbeit. 2004 wird der Verein HEKS in eine Stiftung umgewandelt. Die 2008 lancierte Weihnachtsaktion «Hilfe schenken» wird zu einem bis heute anhaltenden Erfolg.

HEKS Geschichte 1997-2007
Annette Boutellier

2010–heute

Flüchtlingsströme, Corona und Fusion mit «Brot für alle»

2015 sind weltweit über 60 Millionen Menschen auf der Flucht, viele von ihnen versuchen auf gefährlichen Wegen nach Europa zu gelangen. HEKS unterstützte die Flüchtlinge in Erstaufnahmeländern wie Libanon und im Nordirak sowie entlang der Flüchtlingsrouten auf dem Balkan, insbesondere in Serbien. 2016 lanciert HEKS die nationale Kampagne «Farbe bekennen»: Eine breite Koalition von Hilfswerken, sozialen Institutionen und Privatpersonen fordert die Politik und die Öffentlichkeit auf zu mehr Solidarität, zu einer konstruktiven Diskussion rund um Flüchtlinge und zu einer menschlichen Asylpolitik. Im Frühling 2020 hebt das neue COVID19-Virus die Welt aus den Fugen. HEKS lanciert innert kurzer Zeit ein gross angelegtes Nothilfe-Programm in der Schweiz und in seinen Projektländern, um jenen Menschen beizustehen, die von der Krise besonders hart getroffen wurden. 2019 beschliessen die Stiftungsräte von HEKS und «Brot für alle» die Fusion der beiden Hilfswerke per 2022.

HEKS-Fotoreportage Serbien-Kroatien
András D. Hajdú