Myanmar – Ein Land in Aufruhr

Am 1. Februar hat das Militär in Myanmar die Macht übernommen. De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi ist unter Hausarrest gestellt und es wurde für ein Jahr der Notstand ausgerufen. Was geschieht in dem Land, das erst seit 2011 zaghafte Reformen erlebt hat? Und wie trifft die aktuelle Krise die Ärmsten, für die sich HEKS mit seinen Projekten einsetzt?

Die Schockstarre nach dem Militär-Putsch in Myanmar hielt keine 72 Stunden an. Sehr schnell formierte sich eine Bewegung des zivilen Ungehorsams. Die BürgerInnen des Landes artikulierten ihre Wut und Frustration zuerst in den sozialen Medien und drei Tage später auch auf den Strassen. Eine wichtige Gruppe bildeten dabei anfangs überwiegend junge BurmesInnen. Ein Jahrzehnt in Freiheit hat diese Generation geprägt. Zuvor hatte das Militär das Land 49 Jahre lang mit eiserner Hand regiert. Dorthin zurück will die junge Generation auf keinen Fall. Die Militär-Junta hingegen hat die Wucht des Widerstandes, dem sich mittlerweile verschiedene Generationen und Ethnien angeschlossen haben, wohl unterschätzt und setzt nun zunehmend auf Gewalt und Einschüchterung, um die Aufstände niederzuschlagen.

Myanmar März 2021
HEKS

Arbeiten unter erschwerten Bedingungen

HEKS, das vor vier Jahren in Myanmar zu arbeiten begann, verfolgt die politischen Ereignisse mit Besorgnis und hofft auf eine baldige Rückkehr zu demokratischen Verhältnissen. «Schon vor dem Putsch war die Situation im Land schwierig. Die COVID-19-Restriktionen hatten verheerende Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation der Menschen. Die Zahl der Haushalte unter der Armutsgrenze hat sich im Laufe des letzten Jahrs von 16 auf 63 Prozent erhöht. Die Geschwindigkeit dieses Rückfalls in die Armut ist schockierend», berichtet Julien Brewster, HEKS-Landesbeauftragter für Myanmar. «Zudem leben aufgrund bewaffneter Konflikte zwischen dem Militär und verschiedenen ethnischen Gruppierungen über 330‘000 Menschen als intern Vertriebene unter camp-ähnlichen Bedingungen im Land. Die jüngste politische Krise hat zu noch mehr Leid für diese Menschen geführt – ihr Zugang zu dringend benötigter humanitärer Hilfe ist derzeit stark beeinträchtigt.»
HEKS wird trotz des politischen Machtwechsels seine Arbeit in Myanmar fortsetzen. «Wir fühlen uns verpflichtet, weiter dazu beizutragen, dass sich die Lebensumstände ethnischer Minderheiten und anderer marginalisierter Gruppen in Myanmar verbessern», betont Brewster. HEKS arbeitet in Myanmar ausschliesslich mit Akteuren der Zivilgesellschaft und des Privatsektors, mit Start-ups, zusammen und nicht mit der Militärregierung. Und doch gilt es gemäss Brewster, in solch fragilen Kontexten besonders sensibel zu handeln: «Der konfliktsensible Ansatz, den HEKS verfolgt, kommt hier besonders zum Tragen, denn er hilft uns, allfällige unbeabsichtigte Folgen unserer Arbeit zu erkennen und unsere Interventionen gezielt dazu zu nutzen, Spannungen abzubauen.»

Gemeinsame Erklärung besorgter Unternehmen

HEKS ist in Myanmar nicht als NGO, sondern als Unternehmen registriert. HEKS hat sich daher einer gemeinsamen Erklärung von in Myanmar tätigen Unternehmen angeschlossen, die ihre tiefe und wachsende Besorgnis über die Entwicklungen im Land seit der Ausrufung des Ausnahmezustandes zum Ausdruck bringen. In der Erklärung bekräftigen die Unternehmen, dass sie stets bemüht waren und auch weiterhin bemüht sein werden, in Myanmar transparent und im Einklang mit den wichtigsten ILO-Konventionen und den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte zu arbeiten und dass sie auch weiterhin mit lokalen Geschäftspartnern arbeiten werden, die den gleichen Ansatz und die gleichen Prinzipien verfolgen: «Wir glauben, dass unsere Geschäftspräsenz, unsere Praktiken und unser Eintreten für gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Unternehmen sowie unser Engagement für internationale Menschenrechtsstandards einen wichtigen Beitrag auf dem Weg zu Offenheit und Demokratie in Myanmar leisten», heisst es in der Erklärung, die hier zu finden ist.

Rückkehr der Rohingya rückt in weite Ferne

Auch bei den Rohingya in den Flüchtlingslagern in Bangladesch hat die Nachricht vom Putsch grosse Enttäuschung ausgelöst. «Schon unter Aung San Suu Kyi waren die Aussichten auf eine baldige Rückkehr der Rohingya eher düster», erklärt Sebastian Zug, Programmverantwortlicher für die HEKS-Nothilfe in den Rohingya-Flüchtlingscamps. «Jetzt ist wieder das Militär unter General Min Aung Hlaing an der Macht, das verantwortlich ist für die gewaltsamen Übergriffe, vor denen die Rohingya im Sommer 2017 aus Myanmar geflohen sind. Damit die Rohingya einst wirklich in Myanmar als gleichberechtigte Minderheit leben können, braucht das Land eine echte Demokratisierung und einen Wandel der öffentlichen Meinung über ethnische Minderheiten.»

Dieser Wandel ist vielleicht gerade im Gange. Die derzeitige politische Krise scheint die Bevölkerung immer stärker zu einen: «Wir beobachten ein wachsendes Bewusstsein und Empörung darüber, wie das Militär vorgeht – gegenüber DemonstrantInnen wie auch gegenüber ethnischen Minderheiten, von denen sich viele dem Widerstand angeschlossen haben», sagt Julien Brewster. Vielleicht ist es dieser Ausnahmezustand, der dem Vielvölkerstaat Myanmar letztlich zu mehr Einheit verhelfen kann.

 

Mehr  über die Arbeit von HEKS  in Myanmar

Dieter Wüthrich
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Dieter Wüthrich

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