Menschen vor dem BAZ Altstätten
Erfahrungsbericht aus dem Bundesasylzentrum

So unterstützt HEKS ukrainische Geflüchtete

So unterstützt HEKS ukrainische Geflüchtete

So sieht schnelle und unbürokratische Hilfe aus: Bereits seit dem 12. März können sich ukrainische Geflüchtete in Bundesasylzentren (BAZ) für den Schutzstatus S registrieren und bei Bedarf eine Unterbringung in einer Gastfamilie finden. Behörden, Hilfswerke und Privatpersonen arbeiten Hand in Hand, um Schutzsuchenden aus der Ukraine beizustehen. So auch im BAZ Altstätten (SG). Dort unterstützt HEKS vor Ort mit juristischer Beratung und koordiniert mit Unterstützung von SRK, Caritas und ARGE die Vermittlung von Gastfamilien.

Tatkräftig im Einsatz war auch die Leiterin der HEKS Geschäftsstelle Ostschweiz, Gabriela Alfanz. Lesen Sie hier ihren persönlichen Erfahrungsbericht vom ersten Projekttag im BAZ Altstätten.
Text und Fotos: Gabriela Alfanz

«Als ich heute Morgen um 8 Uhr im BAZ eingetroffen bin, haben bereits Ukrainerinnen und Ukrainer – die meisten von ihnen begleitet von ihren Gastfamilien – vor der Tür gewartet. Seit heute können sie sich registrieren lassen. Der Schutzstatus S wurde heute, 12. März, erstmals vom Bundesrat aktiviert. Dieses Aufenthaltsrecht in der Schweiz ist auf ein Jahr befristet, kann aber verlängert werden. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) hat vorgängig ein Faktenblatt mit den wichtigsten Informationen zum Schutzstatus S zusammengestellt. Dank diesem konnten wir die meisten Fragen der Geflüchteten und der Gastfamilien gut und kompetent beantworten.

Dringende Fragen waren zum Beispiel: «Können unsere Kinder in der Schweiz die Schule besuchen?», «Wie wird das mit der Krankenkasse geregelt?» oder «Bekommen meine ukrainischen Gäste, bevor sie selbst arbeiten können, von irgendwoher Geld oder muss ich als Gastgeberin vollumfänglich für sie aufkommen?». Diese letzte Frage einer jungen Frau – sie war ungefähr 25 Jahre alt – hat mich besonders gerührt. Sie beherbergt seit zwei Wochen ihre Verwandten oder besser gesagt, Angehörige aus drei verwandten Familien: Zwei Familien wohnen direkt bei ihr, eine im Nebenhaus bei einem Nachbarn. Sie sagte mir, es hätte für sie keine andere Lösung gegeben, als ihre Verwandten hierher, zu sich zu holen. Aber jetzt habe sie Angst, dass sie über kurz oder lang nicht genügend Geld habe, um alle zu versorgen.

Ich habe sie über die Rechtslage informiert und ihr gesagt, sie solle sich mit ihren Verwandten am Montag bei ihrer Wohngemeinde melden, da werde ihr geholfen.

Asylsuchende vor dem BAZ
Andrea Oertli

Am Nachmittag kamen dann einzelne Ukrainer:innen im BAZ an – die meisten müde und erschöpft von der Reise –, die entweder gar keine Kontakte in der Schweiz haben, oder zwar über einen Kontakt, aber nicht über eine Unterkunftsmöglichkeit verfügen. So haben wir am Nachmittag neun Familien – insgesamt vier Männer und neun Frauen mit zwölf Kindern, also total 25 Personen – an Gastfamilien vermittelt. Immer unterstützt von unserer Dolmetscherin. Der «Matching»-Prozess dauert pro Unterbringung etwa eine bis eineinhalb Stunden, unabhängig davon ob eine grosse Familie oder nur zwei Personen eine Bleibe suchen. Mit allen Schutzsuchenden wird zuerst ein persönliches Gespräch geführt, in dem ihre Situation und die persönlichen Bedürfnisse abgeklärt werden: Bestehen Allergien oder gesundheitliche Einschränkungen? Bringen sie Haustiere mit? Bevorzugen sie eine Stadt oder eine ländlichere Umgebung? Raucher- oder Nichtraucherhaushalt? Auch ihre psychische Verfassung wird thematisiert. Besonders vulnerable Personen werden nicht in Gastfamilien vermittelt. Für sie stehen professionell betreute Unterkünfte zur Verfügung.

Menschen im BAZ Altstätten
Andrea Oertli

Die Gespräche mit den Geflüchteten haben mich betroffen und traurig gemacht. Dafür waren die Telefone mit den Gastfamilien – wenn wir sie denn erreicht haben, was manchmal nicht ganz einfach war – umso erfreulicher. In der Datenbank von Campax werden mittlerweile über 45’000 Schlafplätze in privaten Unterkünften angeboten. Nach dem Gespräch mit den Schutzbedürftigen suchen wir jeweils zwei bis drei passende Optionen und rufen auf gut Glück an. Die Reaktionen am Telefon sind grossartig! Das muss man sich mal vorstellen: Da ruft eine wildfremde Person (wir) an, die wildfremde Personen (die Geflüchteten aus der Ukraine) zu ihnen nach Hause vermitteln möchte – und die allermeisten Gastgeber:innen waren einfach bereit und haben zugesagt. Einige haben noch um einen kleinen Vorlauf gebeten. In diesen Fällen verbringen die Geflüchteten noch eine Nacht im BAZ. Meistens wurden sie aber direkt von den Gastgeber:innen abgeholt oder konnten selbstständig direkt zu ihnen fahren. Für drei Schwestern mit ihren Männern und Kindern konnte eine Unterkunft gefunden werden, in der alle gemeinsam wohnen können. Eine Mutter wurde mit ihrem siebenjährigen Sohn in eine Gastfamilie mit einer Hauskatze vermittelt. Von dieser Familie habe ich dann am Abend ein Foto erhalten vom Jungen, der auf dem Sofa friedlich mit der Katze kuschelt. Ich bin sehr gerührt.

Kind mit Katze

Insgesamt wurden heute im BAZ 150 Personen registriert. Es ging teilweise zu wie in einem Bienenhaus. Denn diese 150 Personen wurden teilweise ja auch noch von ihren Gastfamilien und Freund:innen begleitet. Zeitweise hielten sich im Aufenthaltsraum bestimmt weit über 250 Personen auf. Dazwischen Kinder, Babys, Kinderwagen, Hunde… und ein Meersäuli.

Wirklich gut funktionierte auch die Zusammenarbeit mit dem SEM (Staatssekretariat für Migration). Dessen Mitarbeitende haben sehr flexibel auf die Herausforderungen reagiert. So wurde im Laufe des Tages ein Wickeltisch organisiert, ein Pannendreieck wurde sicherheitshalber auf der Strasse aufgestellt, ein Ticketsystem eingeführt und uns ein eigenes Büro zur Verfügung gestellt. Es gab für die Geflüchteten immer genug zu essen und zu trinken, ein WLAN-Zugang wurde geöffnet und alle haben sich gemeinsam Mühe gegeben, dass sich die Menschen willkommen fühlten. Es war eine tolle Zusammenarbeit!

Insgesamt bin ich nach diesem ereignisreichen Tag traurig, aber auch tief bewegt und dankbar für die grosse Solidarität und tatkräftige Unterstützung, die von allen Seiten geleistet wurde. Ich bin überzeugt, dass wir hier alle gemeinsam tatsächlich im Kleinen etwas Grosses bewirken können. Neben diesem Sondereinsatz müssen wir von HEKS alles dafür geben, unsere bisherigen Angebote in hoher Qualität weiterzuführen. Auf der Welt bestehen zurzeit zahlreiche weitere Konflikte, wegen denen Menschen zu uns in die Schweiz flüchten. Auch für diese Menschen ist HEKS da und setzt sich für ihre Anliegen ein. Meine Hoffnung ist, dass die Erfahrungen, die wir heute mit den ukrainischen Geflüchteten machen, mittelfristig zur Verbesserung der Situation aller Geflüchteter in der Schweiz beitragen können.»

Versorgung vor dem BAZ mit Äpfeln und Bananen
Andrea Oertli

Seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine erleben wir in der Schweiz eine riesige Welle der Solidarität, die rasche und unbürokratische Hilfe für ukrainische Geflüchtete möglich macht: Seit dem 12. März können Ukrainer:innen in der Schweiz den kollektiven Schutzstatus S beantragen. Damit erhalten sie vorübergehend ein Aufenthaltsrecht, ohne ein ordentliches Asylverfahren durchlaufen zu müssen. Personen mit Status S dürfen ab sofort arbeiten und ihre Kinder können die Schule besuchen. Zudem sind Familienzusammenführung für Geflüchtete aus der Ukraine möglich. Und: Sie dürfen privat untergebracht werden.

Die eintreffenden Menschen müssen sich zuerst in einem Bundesasylzentrum (BAZ) registrieren. Neu können sie ihr Gesuch für den Schutzstatus auch auf elektronischem Weg einreichen und erhalten anschliessend vom Staatssekretariat für Migration (SEM) einen Termin für die Registrierung im BAZ. In den Bundesasylzentren Basel und Altstätten (SG) sind HEKS-Mitarbeitende vor Ort: Geflüchtete, die dort ankommen, werden von Mitarbeiter:innen vom HEKS-Rechtsschutz beim Einreichen des Schutzgesuches unterstützt und von Mitarbeiter:innen des Projektes «Vermittlungsstelle für Gastfamilien» bei Bedarf an eine der zahlreichen Gastfamilien, die eine private Unterkunft bereitstellen, vermittelt.

Seit dem Projektstart am 12. März sind im BAZ Altstätten täglich jeweils drei bis vier Mitarbeitende des HEKS-Rechtsschutzes vor Ort. Für das Projekt «Gastfamilien» sind täglich vier bis fünf Mitarbeitende von HEKS, SRK, Caritas und ARGE sowie zwei bis drei Dolmetscher:innen im Einsatz. Insgesamt konnten in der Ostschweiz seither bereits über 50 Gastfamilien für rund 150 Frauen, Männer und Kinder gefunden werden.




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