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Blogbeitrag von Elise Shubs vom 16.06.2022

Schluss mit Stereotypen – für die Gleichheit aller Menschen

Schluss mit Stereotypen – für die Gleichheit aller Menschen

Seit vier Jahren wirke ich bei der Organisation des Flüchtlingstags in der Romandie mit (Flashmob, Vortrag zum Thema Ungehorsam, Riesengraffiti im Stadtzentrum von Lausanne). Die Asyl- und Flüchtlingsthematik ist heikel und hat wenig Glamour. Es gilt deshalb, Veranstaltungen zu organisieren, die die Bevölkerung überraschen und ein positives Bild der Migration zeigen. Dieses Jahr war es aber besonders schwierig, ein Konzept für diesen Tag zu finden.

Die unterschiedliche Aufnahme von kürzlich aus der Ukraine angekommenen Personen und solchen aus anderen Kontinenten wird von vielen Asylsuchenden und Verfechter:innen des Asylrechts als eine Form des Verrats empfunden. Dieses Beispiel zeigt eindeutig, dass Migrant:innen je nach ihrer Herkunft mehr oder weniger willkommen sind. Eine schwierige Gegebenheit.
Elise Shubs
Verantwortliche Flüchtlingstage Romandie
Elise Shubs
EPER - Entraide Protestante Suisse
 
Chemin de Bérée 4A
Case postale 536
1001 Lausanne
Tel.: +41 21 623 40 16
elise.shubs@eper.ch
 

Diese unterschiedliche Willkommenspolitik zeigt, dass sich bestimmte Stereotype über Migrant:innen aus aussereuropäischen Ländern hartnäckig halten.

Diese Zwei-Klassen-Willkommenspolitik zeigt, dass bestimmte Stereotype über Migrant:innen aus aussereuropäischen Ländern in der Regierung und in der Bevölkerung noch tief verankert sind und sich hartnäckig halten. Die Forscherin Olivia Rutazibwa, Assistenzprofessorin an der London School of Economics and Political Science, hat das Konzept «Decolonizing mind»¹  («Entkolonialisierung von Denkweisen») entwickelt. Sie erklärt, wie «unsere Sicht auf Menschen durch die Informationen entsteht, die wir im Laufe unseres Lebens in unserer Gesellschaft erhalten. Die Geisteshaltung, durch die die Kolonialzeit ermöglicht wurde, ist in unserer heutigen Gesellschaft noch sehr lebendig und präsent. Diese Geisteshaltung macht Diskriminierung und Rassismus heute nicht nur immer noch möglich, sondern für viele Menschen auch akzeptabel.»

Für Rutazibwa erlaubt diese neue Migrationskrise, «sich in Europa der Situation von Geflüchteten bewusst zu werden (…). Man hat gesehen, dass wir politisch in der Lage sind, Menschen aufzunehmen, während in der Debatte über Migrationsfragen oft die Idee vorgebracht wird, dass Europa nicht alle Menschen aufnehmen kann.» Die Wissenschaftlerin ist aber auch beunruhigt, «wie sich Rassismus selbst in Zeiten von Konflikten wiederholt und reproduziert. Man sieht, dass es bei Leben weiterhin Hierarchien gibt; Leben, die mehr wert sind als andere. Wenn es um Geflüchtete geht, die als nicht-weisse Menschen wahrgenommen werden, tauchen in der öffentlichen Debatte Ideen auf, die nahelegen, dass sie «selbst Schuld sind», dass sie «andere Entscheidungen hätten treffen müssen», dass «sie kommen, um zu profitieren». (…). Der Kampf gegen Stereotype und Rassismus ist keine Frage des Prinzips oder der politischen Korrektheit. Er hat einen direkten Einfluss auf das Leben von Menschen. Wir lassen Tausende von Menschen im Mittelmeer sterben, nur weil wir bestimmte Vorstellungen davon haben, wer sie sind und welches Recht sie haben oder nicht haben, hier zu sein. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass es beim Kampf gegen Stereotype nicht darum geht, nett zu sein. Es geht um Leben und Tod»².

Einige gesellschaftliche Probleme treten an die Oberfläche, wie die Frage des Sexismus. Wenn der Staat ein Problem erkennt – in diesem Fall die Gleichstellung von Frauen und Männern – kann er Massnahmen ergreifen (z. B. Bildung, Politiken, Gesetze, Sensibilisierung), um das Problem zu lösen und Mentalitäten zu verändern. Wenn es sich jedoch um Rassismus und Stereotype über aussereuropäische Migrant:innen handelt, wird das Problem nicht nur nicht erkannt, sondern bekommt von bestimmten politischen Kreisen sogar Rückendeckung, was zu einer Politik führt, die zwischen Menschen je nach ihrer Herkunft unterscheidet.

Die Schweizer Historikerin Francesca Falk betont, dass die Politik einen grossen Einfluss darauf habe, wie Flüchtlingsgruppen wahrgenommen würden: «Die Wahrnehmung der Gruppen ist ausschlaggebend dafür, wie man sie behandelt.»³  Während die Regierung für Offenheit und grosse Solidarität mit aus der Ukraine Geflüchteten plädiert, indem sie eine positive Botschaft aussendet, verhält sie sich anderen Flüchtlingen gegenüber misstrauisch. Das Thema Rassismus wird heruntergespielt. In jedem Fall wird es von unseren Politiker:innen nicht als strukturelles Problem erkannt. Solange ein Staat die Rassismusfrage nicht als strukturelles Problem erkennt und dieses Thema nicht anpackt, indem er versucht, die Sichtweise tiefgreifend zu verändern, solange es eine Zwei-Klassen-Willkommenspolitik gibt und solange eine Partei, die in der Regierung sitzt, es sich leisten kann, in einer Medienmitteilung zu fordern, dass «ukrainische Familien nicht mit männlichen, vorwiegend muslimischen Asylmigranten vermischt werden und der Schutzstatus nicht um weitere Personen / Nationalitäten erweitert werden darf», ist es schwierig, Veränderungen herbeizuführen!

Anlässlich des Flüchtlingstags organisieren wir ein inklusives Fest, mit dem Ziel, eine andere Facette von Afrikaner:innen zu zeigen.

Obwohl uns diese Realität etwas sprachlos macht, haben wir nicht resigniert und beschlossen, ein inklusives Fest zu organisieren, dem sich zahlreiche Vereinigungen angeschlossen haben: Action-parrainages, Confluences, Dynamic Wisdom, Projet pour l'Aide à l'Inclusion des Réfugié·e·s en Suisse (PAIRES), Society Moko und Vivre ensemble. Ein Fest, bei dem ein Film gezeigt und Musik gespielt werden, um die Menschlichkeit, die Intelligenz und die Kreativität von Menschen aus Nigeria hervorzuheben. Mit dem Ziel, eine andere Facette afrikanischer und insbesondere nigerianischer Menschen zu zeigen, die in unserem Land oft – und zu Unrecht – einen sehr schlechten Ruf haben.

Wie lautete doch der letztjährige Slogan des Flüchtlingstags in Lausanne? «Never give up!»

Never give up!

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