Mann spricht meinem anderen Mann.
Ester Unterfinger
Blogbeitrag von Katarina Stigwall vom 07.11.2023

Rassismus beim Namen nennen!

Rassismus beim Namen nennen!

Rassismus findet überall statt und beeinflusst das Leben der Menschen in unserer Mitte. Ständige Ausgrenzung und das Gefühl, nicht dazuzugehören, verletzen nicht nur die direkt Betroffenen, sondern auch unsere gesamte Gemeinschaft – wir müssen hinschauen und unsere Stimme erheben.

Menschen, die am Arbeitsplatz, bei Behörden oder in der Nachbarschaft rassistischer Diskriminierung ausgesetzt sind, wenden sich an die HEKS-Beratungsstelle in St. Gallen, um sich beraten zu lassen, wie sie mit dieser Ausgrenzung und Benachteiligung umgehen können. Die Zahl der uns gemeldeten Fälle erreicht aktuell einen traurigen Höchststand.

Kaum ein Lebensbereich ist ganz frei von Vorurteilen. Häufig werden rassistische Bemerkungen als Scherz oder Unterstellung im Vorbeigehen getarnt und unseren Klient:innen fällt es schwer, die richtigen Worte für das Erlebte zu finden. Ihr Umfeld vermittelt ihnen oft das Gefühl, dass sie «überreagieren» und sich «anpassen» müssen. Jeder einzelne Fall ist ein persönliches Zeugnis davon, wie es sich anfühlt, mit der ständigen Erfahrung zu leben, nicht dazuzugehören. Ausgrenzung begleitet auch Kinder und Jugendliche im Alltag: Sie bekommen das Gefühl, anders zu sein und fühlen sich abgelehn. Das ist für sie oft unergründlich und zutiefst verletzend. 
 

Portrait Katarina Stigwall
Katarina Stigwall

Katarina Stigwall leitet die HEKS-Beratungsstelle gegen Rassismus und Diskriminierung und unterstützt Menschen, die zu ihr in die Beratung kommen.

Was für viele eine Lebensrealität ist, ist für andere völlig unsichtbar.

Und doch ist das, was für viele eine Lebensrealität ist, für andere völlig unsichtbar. Wenn wir zur Mehrheit der Gesellschaft gehören, die das Privileg hat, nicht persönlich von rassistischer Diskriminierung aufgrund unseres Namens, unserer Sprache oder unserer Hautfarbe betroffen zu sein, ist es schwer zu erkennen, wann und wo Diskriminierung stattfndet. Menschen ohne Diskriminierungserfahrung haben vielleicht das Gefühl, dass es einfach Pech ist, wenn andere bei Bewerbungen um Jobs und Wohnungen immer wieder abgelehnt werden, oder dass sie sich nicht genug anstrengen. Oder dass es sich um eine normale Stichprobe handelt, wenn die Tasche beim Einkaufen zum x-ten Mal durchsucht wird. Vielleicht denken wir, dass Menschen, die immer wieder von solchen Vorfällen berichten, übertreiben.

Wir erkennen Diskriminierung und Rassismus nicht, wenn wir nicht genau hinschauen. Sie machen uns Angst, erinnern uns an historische Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten und machen und machen uns unsere eigenen Privilegien bewusst. Als Reaktion auf diese Angst suchen wir vielleicht nach Zeichen, die unser Weltbild bestätigen: nach Statistiken, oder wir suchen nach Schlagzeilen, die bestätigen, dass es sich bei einem Täter um eine ausländische Person handelt.
 

Als Gesellschaft haben wir uns zwar weiterentwickelt, aber einige alte Denkmuster halten immer noch an.

Um das Problem zu umgehen, wählen wir vielleicht einen anderen Begriff und sprechen von «Inklusion» oder «Anstand»: Wären alle anständig, so die Hoffnung, dann wäre das Problem ja gelöst. Rassismus hat aber nichts mit Inklusion oder Anstand zu tun. Rassismus ist eine Ideologie, die historisch bedingt ist, um Kolonialismus, Übergriffe und Herabwürdigung zu rechtfertigen. Als Gesellschaft haben wir uns zwar weiterentwickelt, aber einige alte Denkmuster halten sich hartnäckig. Die Ausdrucksformen des Rassismus sind neu, aber die Fundamente sind dieselben. 

Es geht darum zu verstehen, wie unsere Erfahrungen uns prägen.

Es gibt die Vorstellung, dass das Sprechen über Rassismus Spannungen und ungerechtfertigte Scham oder Schuldgefühle auslösen kann. In der Beratungsstelle machen wir aber die Erfahrung, dass ein offener Dialog über Rassismus genau das Gegenteil bewirkt: Er ermöglicht uns neue Sichtweisen, führt zu Verständnis und Gesprächen auf Augenhöhe. Wenn wir über Rassismus sprechen, geht es nicht darum, Opfer und Täter:innen zu identifizieren. Es geht darum zu verstehen, wie unsere Erfahrungen uns prägen. Eine Aussage, die für eine Person harmlos ist, kann für eine andere Person sehr verletzend sein. Rassismus ist oft nicht beabsichtigt, kann aber dennoch schmerzhafte Folgen haben. 

Auch wenn es ein mühsamer Weg ist, müssen wir lernen, hinzuschauen. Wir müssen Rassismus in seinen verschiedenen Facetten erkennen, und wir müssen verstehen, was er uns und unserer Gemeinschaft antut. Wenn du betroffen bist, bin ich es auch. Die Person neben mir kann vielleicht in diesem Moment ihre Stimme nicht erheben, aber wenn ich meine erheben kann, werde ich sie benutzen, um über Rassismus zu sprechen.

Koffer und Menschen im Hintergrund
«Ich doch nicht!»
Werkzeugkoffer für einen diskriminierungsfreien Berufsalltag

Sind wir uns der eigenen Haltung in der Begegnung mit Menschen bewusst, können wir aktiv dazu beitragen, Situationen rassistischer Diskriminierung zu erkennen und diesen entgegenzuwirken. Hier setzt der HEKS-Werkzeugkoffer als Arbeitsinstrument an. Er beinhaltet informatives und interaktives Material für einen pragmatischen und zeitgemässen Umgang mit Fragen zu Diskriminierung und Rassismus um uns herum - sowie auf professioneller als auch auf zwischenmenschlicher Ebene.

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